Vom beschaulichen Plätzchen im Grünen zur Bundesliga-Arena (2)

In diesen Tagen vor 62 Jahren: Der Umbau des Ellenfeld-Stadions beginnt / Teil 2: Die Ausführung

„Mythos Ellenfeld“ – das Jubiläumsbuch zum 100jährigen Bestehen der Borussia bringt den Verein in eine unauflösliche Verbindung mit dem Stadion, in dem er seit 114 Jahren spielt: Das Ellenfeld. Mythen erheben laut der Internet-Enyzklopädie wikipedia einen Anspruch auf Geltung der von ihnen behaupteten Wahrheit, sind oft Dinge von hoher symbolischer Bedeutung. Das trifft für das Ellenfeld-Stadion ohne weiteres zu. Jens Kelm und Tobias Fuchs verleihen ihm deshalb in ihrer Denkschrift zum 100. Geburtstag des Stadions am heutigen Mantes-la-Ville-Platz den Titel „Erinnerungsort“ – verstanden als „ein langlebiger, Generationen überdauernder Kristallisationspunkt kollektiver Erinnerung und Identifikation.“ Zu den Stadionenthusiasten aus aller Welt, die nahezu Woche für Woche ins Ellenfeld kommen, gehören in der Tat die unterschiedlichsten Generationen. Und der Identifikationsfaktor ist nach wie vor hoch: Wer irgendwo von Borussia spricht, spricht auch vom Ellenfeld. Keine Borussia ohne Ellenfeld … kein Ellenfeld ohne Borussia – dieses Motto ziert seit ein paar Wochen auch die Rückseite eines T-Shirts im Fanartikel-Sortiment. Exakt eine Woche ist es jetzt her, da feierte das Ellenfeld-Stadion den 114. Geburtstag seiner offiziellen Einweihung: Am 14. Juli wurde der damalige Borussen-Sportplatz im Jahr der Olympiade in Stockholm 1912 mit nationalen olympischen Spielen eröffnet. Ein paar Tage später, steht der nächste Jahrestag an. Vor 62 Jahren, am 20. Juli 1964, erfolgte der Arbeitsbeginn zum bundesligatauglichen Umbau des Ellenfeldes. Wir blicken im zweiten Teil unseres Beitrages heute auf den Umbau des Stadions vom beschaulichen Plätzchen im Grünen zur Bundesliga-Arena zurück.

Wer heute vor 62 Jahren das Gelände um den Mantes-la-Ville-Platz ansteuert, findet eine riesige Baustelle vor. Denn noch bevor die Arbeit an den Tribünen beginnen kann, muss rund um das Ellenfeld-Stadion Platz geschaffen werden: Etwa 150 umstehende Pappeln und Birkenbäume müssen weichen. „Gar mancher der laufend anwesenden Zuschauer wird mit Wehmut dem Vernichtungswerk der Motorsägen zugeschaut haben“, heißt es in den „Schwarz-Weißen Blättern“. Danach geht es den alten Stehstufen an den Kragen: Große Bagger räumen circa 250 Kubikmeter Beton und Mauerwerk ab: „Das entspricht den Massen eines dreigeschossigen Wohnhauses“, stellen die Vereinsnachrichten fest. Die Neuanlage der umlaufenden Stehtribünen ist notwendig, da das bestehende Spielfeld nicht nur ein lange unbemerktes Gefälle aufweist, sondern auch zu schmal ist. Dadurch verbreitert sich die Gesamtanlage Richtung Schlossbrauerei. Die hatte für städtische Projekte und den Sport in der Nachkriegszeit immer wieder Grundbesitz abgegeben und ist jetzt auch vom Ellenfeld-Neubau tangiert, werden doch Grundstücke für die Erhöhung der Spieser Kurve und der Gegengeraden gebraucht. Durch einen Grundstückstausch wird Gelände frei für den Bau der Spieser Kurve. Unter keinen Umständen werde sie dagegen Grund und Boden hinter der Gegengeraden abgeben, teilt die Brauerei-Führung der Borussia jedoch am 16. Juli 1964 mit: Betroffen sind genau jene Parzellen, die der Verein benötigte, um die Stehränge am Hang auf das Niveau der Spieser Kurve zu bringen. So kann der Plan einer gleichmäßigen Erweiterung des Stadions nicht umgesetzt werden.

Bauabschnitt I: Abbruch der alten Stehränge und Erdbewegungen für die neuen Stehplätze auf der Gegengeraden. (Fotos: Ellenfeldverein e.V.)

„Um mit dem Versetzen der neuen Stufen beginnen zu können, mussten ca. 3000 Kubikmeter Erdmassen abgetragen und eine treppenförmige Böschung hergerichtet werden. Diese Arbeiten, der sogenannte erste Bauabschnitt, mussten unbedingt bis zum ersten Heimspiel in der Bundesliga am 29. August, fertiggestellt sein“, berichten die „Schwarz-Weißen Blätter“. Neue Erdwälle werden aufgeschüttet, die mit Fundamenten aus Ziegelsteinen versehen werden. Es entstehen vom Spielfeld aufsteigende Ränge mit 15 bis 21 Stehstufenreihen. Um all dies zu bewerkstelligen, beordert das Saarbrücker Ingenieurbüro Kalwat zu dauerndem Aufenthalt ins Ellenfeld, um die Arbeiten zu begleiten. Die beteiligten vier Neunkircher Baufirmen (Albert, Cronau, Schley und Sinewe), die sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen haben, und im Schnitt täglich mit 65 Arbeiter, vier Baggern, einem Hublader, drei Kränen und etlichem Kleingerät vor Ort sind, können den Termin pünktlich einhalten. Bis zum Bundesligaauftakt im Ellenfeld gegen Dortmund wurden „insgesamt 5.800 Stufenplatten, von denen jede rund 100 Kilogramm wiegt, versetzt werden. Außerdem wurden während der Verlegerarbeit die Vorbereitungen für die Montage der Wellenbrecher getroffen, rund 600 Beton-Einzelfundamente betoniert und ebenso viele Aussperrungen in die Stufenplatten geschnitten. Zudem waren ca. 1.000 Meter Rohrgeländer zu verlegen“, wissen die Vereinsnachrichten über Details zu berichten.

Bauabschnitt II im laufenden Spielbetrieb: Die Fundamente der Spieser Kurve werden gelegt. Ganz waghalsige Zuschauer erklimmen (während des Spiels gegen den 1. FC Kaiserslautern im September 1964 die himmelhochaufragenden Stützen (unten). (Fotos Ellenfeld-Verein e.V.)

Im Fokus zweier weiterer Bauabschnitte stehen die aufgeständerten Ränge der heutigen Fankurve (Block 5), der Haupttribüne und der Spieser Kurve. Fundamentgruben für die Hochbauten werden ausgeschachtet, wobei der Aushub teilweise eine Tiefe von 6 Metern erreicht, bis man festen Grund für die Gründung der Fundamente vorfindet. Die neue Tribüne selbst wird im laufenden Spielbetrueb über der alten errichtet. In den „Schwarz-Weißen Blättern“ heißt es: „Die Planung für die Tribünenkonstruktion sah vorgefertigte Stahlbetonteile vor. Diese wurden auf dem Nebenplatz erstellt und auf die vorher eingelassenen Stützen verlegt. Diese sogenannten Läufer, auf denen die Stufen ruhen, haben ein Gewicht von ca. 15 Tonnen.“ Nach dem Errichten der Trägerkonstruktion wurde mit der Montage der Stufenplatten für Steh- und Sitzplätze begonnen. Zwischen den Heimspielen musste dann zunächst das bestehende Dach der alten Tribüne verschwinden, anschließend wurde die die gesamte Sitzfläche überspannende und über den Köpfen schwebende Dachkonstruktion (mit 90 Tonnen schweren Stahlträgern) angebracht – ohne sichtbehindernde Stütze, eine architektonische und für die damalige Zeit bahnbrechende Meisterleistung, die – als Vorbild – ein Jahr später die Vereinsführung von Borussia Mönchengladbach für den Bau einer überdachten Tribüne im Bökelberg-Stadion inspirierte. Erstmals beim Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt am 10. April 1965 ist die neue Ellenfeld-Hauptribüne voll nutzbar. Derweil ist die Spieser Kurve zu einer der größten Stehtribünen Deutschlands gewachsen: 46 Stufenreihen führen in luftige 15 Meter über Erdniveau. Wobei der Begriff „Kurve“ eigentlich unzutreffend ist, besteht die Tribüne doch auch in ihren auf den ersten Blick rund anmutenden Ecken aus rechteckigen Stehstufen.

Bauabschnitt III im laufenden Spielbetrieb: Abbruch der Tribünenseite (oben). Die alte Tribüne wird während der Bauphase noch genutzt (Mitte). Erste Teile neuen Dachkonstruktion sind beim Heimspiel gegen Schalke 04 (im März 1965) sichtbar (unten). (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V.)

„25.000 Zuschauer füllen das Ellenfeld bei der Premiere, sie sitzen dicht gedrängt bis zur Seitenlinie oder stehen oben auf dem Dach der Sporthalle. Auch die umliegenden Wiesen sind voller Menschen. Es ist das gewohnte Bild der ersten Heimspiele in der Aufstiegssaison. (…) Die riesige Baustelle bietet den Waghalsigen unter den Besuchern von Spiel zu Spiel neue Möglichkeiten, das Stadion zu erweitern: Mal hängen fünf Menschen übereinander an einem Flutlichtmast des Nebenplatzes, zwei Wochen später sitzen Dutzende auf den schmalen Stützen der hohen Spieser Kurve“, so die Augenzeugenberichte im Jubiläumsbuch „100 Jahre Ellenfeld“. Schließlich wollen die Menschen etwas sehen für ihr Geld: Ein Stehplatz kostet 3,50 DM, für einen regulären Sitzplatz muss 12 DM gezahlt werden.

Bis zur Fertigstellung des Stadions wird die erste Saison im Oberhaus fast vergangen sein. An anderen Spielorten wird in dieser Zeit ebenfalls gebaut, aber nirgendwo so umfangreich wie in Neunkirchen. Insofern kann man fast von einem Neubau sprechen, der in diesen Tagen am 20. Juli vor 62 Jahren begann. Norbert Engel wird es gefreut haben. Mittlerweile mag der „alte Fußballtempel in die Jahre gekommen, gar baufällig geworden sein. Noch immer aber besitzt er genügend Kraft, um von jenen alten Zeiten zu erzählen, in denen ein Engel die Neunkircher Borussen in himmlische Höhen führte.“ (Paul Burgard in: 100 Jahre Ellenfeld) (-jf-)

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