Günther Kuntz ist von uns gegangen / Als gefürchteter Torjäger Teil der Borussia-Erfolgsgeschichte in den 60er Jahren / Auch nach der aktiven Karriere in vielen Funktionen für Borussia engagiert / Ein Nachruf
„In der Stille der Nacht hast du deine Augen für immer geschlossen. Du fehlst uns unendlich, aber in unseren Herzen lebst du weiter. Ruhe in Frieden, Papa!“ Die Nachricht, die Stefan Kuntz am Sonntag auf seinem Instagram-Kanal veröffentlichte, hat die Fußballfreunde in Neunkirchen, aber auch weit über Neunkirchen hinaus tief getroffen und sehr traurig gemacht. Günther Kuntz ist nicht mehr unter uns. Im Alter von 87 Jahren hat er diese Welt verlassen. Borussia trauert um einen Stürmer, der mit seinen fußballerischen Fähigkeiten auf dem Platz, aber auch mit seiner Persönlichkeit außerhalb des Spielfeldes die erfolgreiche Zeit in Bundes- und Regionalliga mitgestaltet, ja wesentlich geprägt hat, und wünscht der Familie Kuntz in dieser schweren Zeit des Abschieds vom Familienvater viel Kraft und Stärke.

Vom Erbsenberg ins Ellenfeld: Der junge Günther Kuntz im Borussen-Trikot (oben). Schon 1962 kam der Stürmer (2. v. re.) gemeinsam mit seinen Teamkameraden (v.l.) Günter Schröder, Elmar May, Karl Ringel und Paul Pidancet zu Meisterehren: Titelgewinn in der Regionalliga Südwest! (Fotos: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)

Im Sommer 1960 kommt Günther Kuntz aus seiner Geburtsstadt Kaiserslautern ins Ellenfeld. Auf dem Erbsenberg beim VfR hat er sich zuvor seine ersten Fußball-Lorbeeren verdient. Zum großen Nachbarn 1. FCK auf den Betzenberg war er nur deshalb nicht gewechselt, weil es damals nicht üblich war, das blaue (VfR) gegen das rote Trikot (FCK) zu tauschen. Doch Günther Kuntz wird schnell heimisch im Saarland, gründet in Neunkirchen seine Familie, die Söhne Stefan und Michael erblicken das Licht der Welt, in Furpach wird ein Haus gebaut. „Wir fühlen uns hier sauwohl“, sagt der Pfälzer, der schnell ein Saarländer wird. Auch sportlich läuft es rund: Mit dem Angreifer Günther Kuntz holen die Borussen in den letzten drei Jahren der alten Oberliga-Ära zweimal die Vizemeisterschaft, 1962 gar den Titel und vertreten den Südwesten mehr als achtbar in den Endrunden um die deutsche Meisterschaft. Dass trotz der Erfolge bei Gründung der Bundesliga der Rivale aus Saarbrücken den Vorzug erhielt, „war zwar für uns Spieler und die ganze Stadt ein schwerer Schlag“, so Günther Kuntz, doch die Genugtuung, dass die Borussia ausgerechnet dann, als der FCS absteigt, den Aufstieg schafft, gleicht die Verbitterung schnell wieder aus.

Highlight einer langen erfolgreichen Karriere – der 2:0-Sieg beim FC Bayern in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga 1964, zu dem Günther Kuntz (Foto unten, Mitte) mit seinem Tor zum 2:0 einen entscheidenden Beitrag leistete. (Fotos: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)

Auf den Schultern tragen sie damals ihre Helden vom Platz, die Fans mit ihren schwarz-weißen Fahnen an jenem heißen Tag Ende Juni im Glutofen Ludwigspark vor nunmehr fast 60 Jahren. Die Borussia hat gerade Tasmania Berlin 1:0 geschlagen und mit einem „finale furioso“ einer nicht für möglich gehaltenen Aufstiegsrunde die Krone aufgesetzt. Mitten drin statt nur dabei: Günther Kuntz. Sicher ein unvergesslicher Höhepunkt in seiner Karriere. Dass Borussia überhaupt dieses Endspiel erleben darf, daran hat der Offensivspezialist großen Anteil. Denn Günther Kuntz hat eine Woche zuvor beim sensationellen Auswärtserfolg im Stadion an der Grünwalder Straße beim FC Bayern den entscheidenden Treffer zum 2:0 erzielt und damit die hochfavorisierten Münchner zu einer Ehrenrunde in der Regionalliga verdonnert.

Günther Kuntz und Mönchengladbach: Im Zweikampf mit Vornamensvetter Netzer am Betzenberg (oben), gegen Torwart Manfred Orzessek und den jungen Berti Vogts bei Gladbachs Bundesligapremiere 1965 im Ellenfeld (unten). (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Mit Platz zehn gleich in der ersten Saison sorgt die Mannschaft aus der der kleinsten Bundesligastadt für die nächste Sensation, zu der auch Günther Kuntz mit 20 Einsätzen und sieben Treffern sein Scherflein beisteuert. Der beidfüßig starke Stürmer steigert zwar im zweiten Jahr seine persönliche Bilanz und avanciert zum Torjäger (28 Spiele, 13 Tore), kann aber den Abstieg in die Regionalliga nicht verhindern. Ein Jahr später ist Borussia mit Kapitän Kuntz wieder oben, macht mit einem 1:1 bei Schwarz-Weiß Essen die Rückkehr in die Bundesliga perfekt – allerdings nur für eine Saison. Nach 32 Spielen mit zwei Toren verabschiedet sich Günther Kuntz vom Ellenfeld und Borussia – als erste Fahrstuhlmannschaft der Bundesliga-Geschichte – aus Liga eins.

Kapitän der Aufstiegsmannschaft: Günter Kuntz (re., hier vor dem letzten Spiel der Relegationsrunde gegen Hertha BSC Betlin) führt die Borussen 1967 in die Bundesliga zurück. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
Denn Günther Kuntz´ Qualitäten haben sich derweil auch international herumgesprochen. Bei der Wiener Austria findet der jetzt 29jährige eine neue sportliche Heimat, in der er gleich zweimal österreichischer Meister wird und die Spiele im Europacup der Landesmeister gegen Dynamo Kiew und den AC Florenz miterlebt. So ganz nebenbei wird auch der Grundstein für die spätere Karriere von Sohn Stefan gelegt: „Wenn wir in Österreichs Fußballtempel Praterstadion Training hatten, begleitete mich der Stefan mit seiner `Quetsch´ und tobte sich auf einem Nebenplatz aus“, erzählte Günther Kuntz einmal von der schon frühen Fußballbegeisterung, die der Sohnemann vom Vater geerbt hat. 1970 dann die Heimkehr an die liebgewonnene Blies und 1971, gemeinsam mit Trainer Kurt Sommerlatt und Mittelfeldspieler Gerd Zewe, der erneute Titelgewinn in der Regionalliga Südwest. Seine Routine macht Günther Kuntz jetzt zu einem herausragenden Libero.

Immer voller Einsatz für Borussia: So behalten die Borussen Günther Kuntz (hier gegen Bremens Max Lorenz) in Erinnerung. (Fotos: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)
Der Borussia bleibt er auch nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn treu. Hier hat er längst Wurzeln geschlagen, engagiert sich in verschiedenen Funktionen vom Co-Trainer bis zum Spielausschussvorsitzendem, kickt noch lange in der Traditionsmannschaft mit. In seiner Gaststätte „Spielmannsklause“ ist Fußball Thema Nummer eins, erst recht, als Sohn Stefan, der mit Einwilligung des Vaters bereits mit 17 Jahren in Borussias erste Mannschaft aufrückt, in der Bundesliga in Bochum, Uerdingen und Kaiserslautern Karriere macht. Die hat der Vater mit wohlwollendem Rat stets kritisch-konstruktiv, „aber nicht mit der Peitsche“, wie er einmal sagte, gefördert und begleitet. Und ihm manches schon mit in die Wiege gelegt: Den Ehrgeiz, den unbeugsamen Willen zum Sieg, Kampf und Einsatz. Als sich Stefan Kuntz 2017 ins goldene Buch der Stadt Neunkirchen einträgt und Festredner OB Jürgen Fried angesichts der Bodenständigkeit des damaligen U21-Nationaltrainers attestiert, dass in der Erziehung nicht alles falsch gelaufen sein könne, ist das für Günther Kuntz und Ehefrau Christa die Bestätigung, dass ihrem Leben nicht nur auf sportlichem Sektor großer Erfolg beschieden ist.

Auch nach der aktiven Zeit der Borussia verbunden: Günther Kuntz an der Seite von Trainer Dietmar Schwager (oben), im VIP-Raum mit ehemaligen Weggefährten (Mitte) und der Traditionsmannschaft (unten). (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen, -jf-)


Dennoch: Der unerwartete Sprung in die Bundesliga und der Sieg bei den Bayern bleibt ein Höhepunkt. Unwiederholbar, unvergleichlich. „Es war eine Gemeinschaft, ein richtiger Zusammenhalt hier in der Stadt. Alle Leute waren auf den Beinen, unsere Vereinskneipe platzte aus allen Nähten, die Ränge waren voll, an jeder Ecke sprachen die Menschen nur über Borussia und den Fußball“, erinnerte sich Günther Kuntz und ordnete die kaum hoch genug einzuschätzende Bedeutung des erfolgreichen Vereins für die Stadt ein: „Die Borussia – das war was! Die Borussia hat mit ihren drei Jahren Bundesliga Neunkirchen damals in Deutschland erst richtig bekannt gemacht. Vorher hat doch keiner gewusst, wo Neunkirchen liegt.“ Die Unternehmen, die Stadt, die Borussen – man habe zusammengehalten in jener Zeit, auch dadurch sei der Höhenflug möglich gewesen. Bis zum Schluss hat sich Günther Kuntz Gedanken und Sorgen gemacht um die Borussia, sein Herz blutete, wenn er die heutige Situation mit der glorreichen Bundesligazeit verglich. Aber er war immer auch Realist, ihm war bewusst, wie grundlegend sich die Verhältnisse im modernen Fußball verändert haben: Die Stadt sei zu klein, das wirtschaftliche Potential zu gering, um an die früheren Erfolge anzuknüpfen, resümiert der Ex-Stürmer. Der Verein müsse sich von hochfliegenden Plänen verabschieden und wieder auf die Jugend setzen, das gebiete die Vernunft, das sei der Club den treuen Fans schuldig, auch wenn es ein längerer Prozess sei – so seine Botschaft, die auch jetzt – posthum – der Borussia ins Stammbuch geschrieben bleibt.
Nun ist Günther Kuntz von uns gegangen. Hinübergegangen in die jenseitige Welt, hinübergegangen in ein neues, anderes Leben. Alle Borussen verneigen sich mit größtem Dank und Respekt vor seiner Lebensleistung und seinem vielfältigen Einsatz für den Traditionsverein aus dem Ellenfeld und werden Günther Kuntz ein ehrendes Andenken bewahren. „In der Stille der Nacht hast du deine Augen für immer geschlossen. Du fehlst uns unendlich, aber in unseren Herzen lebst du weiter.“ Diesen Worten seines Sohnes Stefan können sich alle Borussen nur uneingeschränkt anschließen. Ruhe in Frieden, Günther Kuntz! (-jf-)
Mit untenstehenden Fotos blicken wir zurück auf Günther Kuntz´ erfolgreiche Karriere im Trikot der Borussia. (Fotos: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen Ferdi Hartung)













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