Saar 05 war in den Gründerjahren erster Gegner der Borussia – ein Rückblick auf spannende Begegnungen der beiden Traditionsvereine, die sich am Sonntag gemeinsam aus der Saarlandliga verabschieden
Zum Foto oben: Das kleine Archiv von Dieter Harig (rechts) dokumentiert ein historisches Spiel aus dem Jahr 1954 zwischen der Borussia und Saar 05 – die Neuauflage des Duells ist für beide Mannschaften das Abschiedsspiel aus der Saarlandliga (Bilder: Privatarchiv Dieter Harig)
Wenn die Borussen am Pfingstsonntag (15.00 Uhr) im Ellenfeld-Stadion auf den SV Saar 05 Saarbrücken treffen, schließt sich gewissermaßen ein Kreis, waren doch die 05er, damals noch als SC Saar 05, der allererste Gegner einer Borussia-Mannschaft nach der Vereinsgründung am 24. Juli 1905. Ein paar Monate später nämlich, am 12. November 1905, traf man sich auf der Drexler´schen Wiese am Lämmerhof zur sportlichen Auseinandersetzung, über die in der Borussen-Chronik wie folgt berichtet wird: „Eine 200köpfige Zuschauermenge sah sich das Treiben der `nacktbeinigen Kerle´ an. Von der Borussia hatte außer Reinhold Wilhelmy noch keiner in einem Wettspiel gestanden, während bei SC Saar schon zehn Spieler in anderen Klubs gespielt hatten. Das Spiel begann im 16.30 Uhr und dauerte 2 mal 45 Minuten.“ Der älteste Borusse war der gerade mal 20jährige Pfälzer Hilbert, die anderen standen im Alter von 17 Jahren – da muss es nicht verwundern, dass die Partie für Borussia nahezu desaströs mit 0:10 verloren ging! Ein paar Wochen später (am 17. Dezember 1905) fuhren die Borussen nach Saarbrücken, um das Rückspiel auszutragen. In der Chronik der Borussia heißt es dazu: „Saar 1. Mannschaft spielte jedoch gegen die Oberrealschule und stellte Borussia ihre zweite hin. In diesem Spiel bekam der Borussenhüter nur wenig mit dem Ball in Berührung, dagegen bekam der Saarhüter eine Menge zu halten. Einen Elfmeter verwandelte R. Wilhelmy glatt. Das erste von der Borussia erzielte Tor! Etwa 20 Minuten vor Schluss brach Saar das Spiel ab, da der Schiedsrichter nicht unparteiisch wäre!“
Eine Menge Zeitungsberichte aus der erfolgreichsten Zeit beider Clubs findet sich im Privatarchiv von Dieter Harig. Der 2017 verstorbene Halbstürmer hat viele Erlebnisse sorgfältig dokumentiert. Er trug 15 Jahre lang das Borussen-Trikot, kickte mit der Saar-Auswahl sogar in Brasilien gegen das Weltklasse-Ensemble von Botafogo Rio de Janeiro. „Dieter Harig spielt brasilianischer als die Brasilianer“, war am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen – ein Riesenkompliment für den jungen Borussen, dem man nachsagte, dass er dem Ball sehr gefühlvolle Streicheleinheiten mit auf den Weg geben konnte.

So sahen sie aus in den Gründerjahren: Borussias „nacktbeinigen Kerle“ mit ihrer allseits kritisch beäugten und viel belächelten „Fußlümmelei“ bei einer Trainingseinheit auf der Drexler´schen Wiese am Lämmerhof. (Foto: Mythos Ellenfeld – 100 Jahre Borussia Neunkirchen)
Unter den Zeitdokumenten findet sich auch ein ausführlicher Bericht über ein Gastspiel von Saar 05 in der alten Oberliga. Vor 71 Jahren, genau am 14. November 1954, entführten die Hauptstädter „nach einem temporeichen und spannenden Spiel mit einem knappen Sieg die Punkte und kamen zu einem etwas überraschenden Erfolg“, heißt es in der „Saarbrücker Zeitung“, die auch gleich die Hauptursache für Borussias 1:2-Niederlage mitlieferte: „Die Gastgeber scheiterten an der starken St. Johannes Abwehr.“ Trotz lobenswerten Eifers, so SZ-Reporter Heinz Kölling, habe Borussias Angriff zu umständlich und zu sehr in die Breite operiert. Dies habe der Gäste-Abwehr immer wieder die Gelegenheit gegeben, sich „elastisch und schlagsicher“ zu formieren. Ein starker Rückhalt sei auch Keeper Borcherding gewesen: „Seiner fehlerfreien Partie hat es die St. Johanner Elf zu verdanken, dass es bei dem einen Neunkircher Treffer blieb.“ Den hatte der „gewohnt forsche Mittelstürmer“ Emser nach gut einer halben Stunde erzielt (31.).
Doch der Führungstreffer spornte jetzt eher die Gäste an, die nun größeren Druck entwickelten und das Spiel durch Tore kurz vor und nach der Pause drehen konnten. So war nach einem Zaudern von Borussia-Verteidiger Ecker Saar-Angreifer Altmeyer durchgebrochen „und schoss aus 16 Metern platziert und unhaltbar den Ausgleich. (…) Als die Mannschaften wieder aus der Kabine kamen, setzten die schnellen St. Johanner Angriffsspieler ihre Angriffe fort. Einen Eckball, der nach zwei Minuten herausgeholt wurde, faustete Jirasek zurück, doch konnte sich Honecker das Leder erlaufen. Er passte zu Monter, der sofort verlängerte und dessen Schuß durch viele Beine den Weg ins Netz fand“, berichtet Heinz Kölling. Trotz beiderseits sich ergebender Chancen auf Aufstockung des Torekontos blieb es am Ende vor 2500 Fans beim 2:1-Sieg für die Gäste vom Kieselhumes.
Schon ein Jahr zuvor hatten die „Söhne Saarbrückens“ mit 1:0 das Ellenfeld erobert. Gast in Neunkirchen: DFB-Trainer Helmut Schön, der in der Hoffnung angereist war, dass sich im Vorfeld der WM 1954 noch der eine oder andere für Sepp Herbergers Auswahl empfehle – besonderes Augenmerk hatte der Coach auf Meinsen, Emser und Morgenthal gelegt. Am 6. Spieltag der Saison 1953/54 entschied der Treffer von Honecker nach 40 Minuten die Partie vor 5000 Zuschauern: Der Torschütze ließ mit einem satten Schuss aus 20 Metern Borussen-Keeper Jirasek keine Chance, war darüber hinaus im ganzen Spiel „sehr fleißig am Ball und Gegner“, so Berichterstatter Erich Menzel im Magazin „Kicker“. Saar 05 gewann damit erstmals wieder im Ellenfeld seit 1946 – ein Sieg, den „man an der Saar und am wenigsten in Neunkirchen erwartet hat. Wohl fehlte Ringel bei Borussia, doch war Günter Zell als Ersatzmann einer der beste Spieler der Neunkircher“, so der „Kicker“, der ein Sonderlob an Saar-Torwart Borcherding und seine Defensive verteilte: „Seine prachtvollen Paraden vereitelten alle Chancen! Saar 05 riegelte durchaus nicht übertrieben. Verloren aber haben die Borussen erst durch die überraschend schwache Leistung von Morgenthal, der namentlich in der ersten Halbzeit einige glatte Chancen unbeholfen ausließ und ein Schatten seiner vorangegangenen Spiele war“, schreibt „Kicker“-Mitarbeiter Erich Menzel.

Spannende Duelle gab es auch sieben Jahre später in der Spielzeit 1960/61. Das Hinspiel im Ellenfeld im November 1960 stand ganz im Zeichen von Stürmer Werner Emser, der gleich alle drei Treffer zum 3:2-Sieg der Borussen erzielte. Im Rückspiel auf dem Kieselhumes sah es zunächst aber oft kritisch vor dem Borussen-Tor aus – der „Kicker“ hatte auch den Grund dafür ausgemacht: „Weil Lauck auf dem schlüpfrigen Schneefeld gegen die Steilpässe von Waßmuth und Kempf nicht wendig genug war und der startschnelle Altmeyer nach seinem frühen Treffer zum 1:0 noch gute Torgelegenheiten erstürmte, wobei er einmal die Latte traf, ein andermal Heisel den leichten Einschuß verpasste und Borussen-Torwart Kirsch harte Schüsse gerade noch zur Ecke boxte.“
Wieder war Werner Emser der Retter Borussias, als er eine maßgereichte Flanke von Erich Leist zum 1:1-Ausgeich verwandelte – eine frühe Antwort (18.) und ein psychologisch wichtiger Treffer, der den Borussen Auftrieb gab, wie Reporter Erich Menzel berichtet: „Nach dem Wechsel wandte sich das Batt, Neunkirchen nahm mehr und mehr das Spiel in die Hand vermöge des überlegenen Laufspiels von Harig und Leist, wogegen Waßmuth und Kempf nun matter wurden.“ Die Jungs von Trainer Börner hätten das Tempo der ersten 45 Minuten nicht durchhalten können und seien defensiv anfälliger geworden. Dennoch hatten die Borussen zweimal Glück, dass Saar 05 nicht erneut in Führung ging: Der stark Altmeyer traf die Latte und Heisel verpasste, drei Meter vor dem Tor ausrutschend, eine Vorlage von Saar-Auswahlspieler Clemens. Neunkirchen habe sich, so der „Kicker“, mit besserem Spiel in der zweiten Halbzeit („Borussia stürmte schwungvoller“) den 3:1-Sieg verdient: Torjäger Rudi Dörrenbecher (65.) und Saar-Verteidiger Karis mit einem unglücklichen Eigentor (75.) sorgten dabei vor 5000 Zuschauern für die beiden Tore der Schützlinge von Trainer Adi Preißler und die erste Heimniederlage der 05er auf dem Kieselhumes. Am Ende der Saison wurde Borussia punktgleich (42:18) mit dem Rivalen 1. FC Saarbrücken Vizemeister – das bessere Torverhältnis sprach für die Landeshauptstädter (71:40 gegen 72:43). (-jf-)
Für die Statistik-Freaks
29. Januar 1961: Saar 05 – Borussia 1:3 (1:1)
Saar 05: Angel – Herrmann, Karis, Kempf, Clemens, Mades, Pees, Altmeyer, Heisel, Waßmuth, Hilgert.
Borussia: Kirsch – Frisch, Baus, Leist, Lauck, Harig, Emser, Ringel, Ding, Dörrenbächer, Glod.
Tore: 1:0 (3.) Altmeyer, 1:1 (18.) Emser, 1:2 (65.) Dörrenbächer, 1:3 (75.) Karis (Eigentor). – Schiedsrichter: Albert Dusch (Kaiserslautern). – Zuschauer: 5000. – Wetter: Regen, Schneeboden.
14. November 1954: Borussia – Saar 05 1:2 (1:1)
Borussia: Jirasek – Ecker, Zell, Zimmermann, Sippel, Boussonville, Follmann, Harig, Emser, Ringel, Hüther.
Saar 05: Borcherding – Schussig, Riedschy, Wilhelm, Miedreich, Zache, Honecker, Altmeyer, Monter, Urnau, Schu.
Tore: 1:0 (31.) Emser, 1:1 (44.) Altmeyer, 1:2 (47.) Monter. – Schiedsrichter: Klees (Bardenbach). – Zuschauer: 2500.
20. September 1953: Borussia – Saar 05 0:1 (0:1)
Borussia: Jirasek – Sippel, Meinsen, Zell, Eckert, Ostermeyer, Follmann, Harig, Morgenthal, Boussonville, Emser.
Saar 05: Borcherding – Horsch, Riedschy, Wilhelm, Mietreich, Fottner, Altmeyer, Hoenecker, Lebefromm, Kassenbrock, Urnau.
Tor: 0:1 (40.) Honecker – Schiedsrichter: Böch (Völklingen). – Zuschauer: 5000.
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