Im Mittelpunkt: „Fußball und Religion“ / Fragen an den Theologen Dr. Samuel Acloque / Ein Blick über den Tellerrand hinaus
Der 1. FC Köln veranstaltet regelmäßig im Dom eine Fußball-Andacht, die Fans des 1. FC Nürnberg sind schon zum Wallfahrtsort Vierzehnheiligen gepilgert, um dort für den Klassenerhalt ein paar Kerzen aufzustellen. Die SV Elversberg hat am vergangenen Sonntag zu einem ökumenischen Gottesdienst eingeladen. Auch Regionalligist Eintracht Trier hat für die Anhänger in der Pfarrkirche St. Martin in der Nähe des Moselstadions zur Eröffnung der neuen Saison einen Wortgottesdienst durchgeführt. Der frisch gebackene Bundestrainer Jürgen Klopp macht in der kürzlich vom Journalisten Michael Horeni herausgegebenen Biographie (mit dem Titel „Glaube Liebe Klopp“) ebenfalls kein Hehl aus seiner tiefen Verwurzelung im christlichen Glauben. Anlässlich der Fußball-WM hatte das Thema „Fußball und Religion“ Fahrt aufgenommen. Denn im „Bienenkorb“, so sagen christlich-evangelikale Gläubige, hatten sich nach dem Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft bei der WM gegen Curacao (7:1) in Houston Joathan Tah und Felix Nmecha zusammen mit gegnerischen Spielern Arm in Arm zu einem kleinen Gebetskreis versammelt. Öffentlichkeitswirksam vor einem Millionenpublikum. In der ARD erklärte sich später der Torschütze zum 1:0: „Wir sind im Spiel Gegner, aber nach dem Spiel Christen und Brüder. Wir sind sehr dankbar“, so das Fazit seines Statements.
Die Geste löste im hochemotionalen Fußballzirkel bekanntlich heftige Diskussionen aus: Kritiker mahnten die Vermischung von Sport und missionarischem religiösen Eifer an, doch zahlreiche Fußballkollegen zeigten sich mit Felix Nmecha in seinem Bekenntnis zu Jesus Christus solidarisch. Positiv aufgenommen hat diese Szene, die während der Spiele in den USA, Kanada und Mexiko zahlreiche Nachahmer fand, auch Dr. Samuel Acloque. Der Professor für Theologie an der Universität Köln und Fan des Südwest-Regionalligisten Eintracht Trier findet es „ganz natürlich, seinem Bedürfnis gemeinsam zu beten, auf diese Weise Ausdruck zu verleihen und der sozialen Kampagne `Football Unites the world´ eine spirituelle Komponente hinzuzufügen.“ Dieses Motto zierte als Patch am Ärmel die Trikots aller teilnehmenden WM-Mannschaften – ein sichtbares Zeichen für die Kraft des Sports, über alle Grenzen, Sprachen und Kulturen hinaus Menschen zu verbinden, den sozialen Zusammenhalt zu fördern und für ein gemeinsames Miteinander zu werben. Im Interview (exklusiv auf borussia-neunkirchen.de) äußert sich Dr. Samuel Acloque (SA) zum Verhältnis von Fußball und Religion.
Dr. Acloque, bei der diesjährigen WM konnte man nach zahlreichen Spielen beobachten, dass Spieler unterschiedlicher Teams sich im kleinen Kreis zum gemeinsamen Gebet zusammenfanden. Was ist Ihnen dabei durch den Kopf gegangen?
SA: Offenkundig gibt es auch in unserer Zeit, in unserer hoch säkularisierten Gesellschaft Menschen, denen der Glaube bedeutsam ist. Dass sie diesen Glauben nicht nur im „stillen Kämmerlein“ für sich praktizieren, sondern auch ausdrucksstark nach Außen verkörpern, unterstreicht ihr Interesse an einer Sichtbarwerdung von Glauben und Religion. Als Religionspädagoge nehme ich wahr, dass auf eine solche Weise die Gottesfrage ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Namhafte Fußballer schaffen auf diese Weise etwas, was Kirche und Theologie oftmals nicht mehr zu gelingen scheint: Die Menschen ihrer Zeit mit der Frage nach Gott in Berührung zu bringen. Mit dem sportlichen Gegner gemeinsam im Gebet vereint zu sein und dies auch sichtbar werden zu lassen, hat mich – da bin ich ehrlich – tief berührt. Kritisch sehe ich Elemente des Religiösen dort, wo sie zum Zweck der eigenen Vermarktung einer Inszenierung gleichkommen. Wo der im Zuge eines Torjubels „propagierte“ Glaube im Widerspruch zum sonstigen öffentlichen Auftreten der Person steht, verkommt Religion zur persönlichen Show.

„Mein Club ist meine Religion!“ Ein Statement, das man immer wieder hört oder liest. Wie stehen Sie zu dieser Aussage? Oder anders gefragt: Fußball als Ersatzreligion – ist das nicht gefährlich oder gar eine Art Blasphemie?
SA: Beim Wort „Blasphemie“ wäre ich eher zurückhaltend, da hiermit suggeriert wird, betreffende Personen würden die Verbundenheit mit ihrem Verein als bewusste Abgrenzung etwa zum klassischen, mit der Kirche verbundenen Glauben verstehen. Die Heterogenität der Fußballszene lässt solche einfachen Zuschreibungen aber nicht zu. Unter fußballbegeisterten Menschen finden sich kirchendistanzierte wie kirchenferne Personen ebenso wie kirchentreue. Gläubige und Nicht-Gläubige stehen Seite an Seite, vereint in den Farben ihres Vereins. Anders verhält es sich mit einer sachlichen Beurteilung des Ausdrucks „Fußball als Ersatzreligion“. Eine solche Charakterisierung des Fußballs lehne ich in aller Deutlichkeit ab. Denn Religion ist die Möglichkeit des Menschen, dem Wortsinn nach seine Rückbindung an (religio von lat. religare) und seiner Verbundenheit mit Gott Ausdruck zu verleihen. Religion hat damit wesentlich mit der eigenen Existenz zu tun. So sehr ich mich einem (Fußball-)Verein auch verbunden fühle, eine Antwort auf die existentiellen Fragen meines Lebens bleibt er mir schuldig, weil er sie gar nicht beantworten will und kann. Seine Aufgabe besteht darin, den Ort oder die Stadt auf vorwiegend sportlicher Ebene zu repräsentieren. Die Bezeichnung des Fußballs als Ersatzreligion wird weder der Religion noch dem Fußball gerecht. Religion hat in ihrer tiefsten Dimension mit der Gestaltung von Gottesbeziehung zu tun, Fußball ist die „schönste Nebensache der Welt“.
Fußball und Religion sind auf den ersten Blick zwei völlig verschiedene Welten: Das eine säkular, das andere spirituell oder wie auch immer man das nennen mag. Wo sehen Sie Verbindungen?
SA: Immer wieder sprechen insbesondere Pastoraltheologen von religiös anmutenden Anknüpfungspunkten im Fußballkult. Mit Blick auf hymnenhafte Gesänge, teils klar definierte Kleidungsregeln, ritualisierte Abläufe während des Spieltages u. a. wollen sie quasiliturgische Parallelen erkennen, die vor allem an den christlich-katholischen Gottesdienst erinnern. Ich persönlich halte davon nicht allzu viel. Es scheint mir zu sehr konstruiert, ich würde allenfalls von pseudoreligiösen Formen sprechen. Eine Verbindungslinie, die ich zwischen Fußball und Religion ziehen kann, nimmt Bezug auf die elementare Bedeutung von Gemeinschaft. Als Kirche wissen wir, dass Glaube, d. h. Vertrauen, nur gemeinschaftlich eingebettet sein kann. Zum Glauben gehört wesentlich auch der Zweifel. Der Sieg wäre kein Sieg, würde ich nicht auch die Erfahrung von Niederlagen kennen. In Gemeinschaft werden Brüche und Rückschläge aufgefangen und gemeinsam verarbeitet, Siege hingegen lehren, füreinander einzustehen. Es bleibt Realität unseres Lebens, dass der Mensch, wie schon Aristoteles sagte, ein Gemeinschaftswesen, ein „zoon politikon“, ist, das auf Zuneigung angewiesen ist. Freude und Leid als menschliche Grundgefühle bedürfen der persönlichen Verarbeitung, die gerade im kollektiven Miteinander auch im Stadion auf gesunde Art und Weise realisiert wird.

Senat Memedovski und die neuformierte Borussia warten nach vier Spieltagen immer noch auf das erste Saisontor und den ersten Sieg. Hilft jetzt vor dem Heimspiel am Samstag gegen den Titelaspiranten TuS Steinbach, nur noch beten? Vielleicht fällt ja ein treffsicherer Stürmer vom Himmel … (Foto: -jf-)
Beten Sie um einen sportlichen Sieg? Darf man das aus theologischer Sicht überhaupt?
SA: Für einen sportlichen Sieg zu beten, halte ich aus theologischer Sicht nicht für verwerflich, allerdings für theologisch verkürzt. Die Erfahrung jahrzehntelanger Zugehörigkeit zu einem Verein zeigt, dass manche Niederlage stärker zusammenschweißt als vermeintlich entscheidende Siege. Der Erfolg mobilisiert die Massen, nach Niederlagen hingegen zeigt sich wirkliche Treue. Wenn ich bete, bitte ich selbstverständlich für das Gelingen unserer aller Bemühungen, dem Verein in eine positive Zukunft zu verhelfen. Die Zukunft des Vereins konkretisiert sich in den Menschen, die in ihm und für ihn wirken. Daher ist es theologisch durchaus geboten, die Sorgen und Nöte aller mit dem Verein verbundenen Menschen Gott anzuvertrauen. Das Verschont-Bleiben vor Verletzungen beispielsweise betrifft den konkreten Menschen und ist aus meiner Sicht ebenfalls ein Gesichtspunkt, der im Gebet zur Sprache kommen darf.
Eine zugegebenermaßen vielleicht seltsame oder provokative Frage: Könnte Jesus, würde er in die heutige Welt kommen, auch Fußballfan sein? Was wäre seine Botschaft?
SA: Ob Jesus, wenn er heute leben würde, Fußballfan wäre, ist reine Spekulation. Wenn man bedenkt, dass die neutestamentlichen Zeugnisse zuhauf davon berichten, wie Jesus im Alltag Menschen jeglicher Couleur begegnet, auch solchen, die den gesellschaftlichen Rändern angehören, dann lässt sich festhalten: Jesus ist dort, wo er auf Menschen trifft, denen er befreiend das Evangelium verkündet. Er führt Menschen zusammen, baut Brücken. Er blickt auf die Würde eines jeden Menschen und führt ihn aus der sozialen Isolation. Die Leidenschaft für den Fußball führt durch alle sozialen Schichten. Mit welchem Blick wir gerade den Schwächsten begegnen, ist etwas, was auch in der profanen Sportstätte von Relevanz ist. Der Fußball als Spiegel unserer Gesellschaft bedarf der Frage nach einem Gott, der das Wohl und Wehe eines Menschen nicht an das Recht des Stärkeren koppelt, nicht an sportlichen oder wirtschaftlichen (Miss)Erfolg knüpft. Ganz sicher gibt es Spieltag für Spieltag Menschen in ausreichender Zahl, die zum Adressatenkreis Jesu gehören. Als Menschen, so lehrt es uns der christliche Glaube, sind und bleiben wir unvollkommene Geschöpfe, die der Erlösung bedürfen. Das schließt jede menschliche Kreatur mit ein, ganz gleich welchen sozialen Standes er oder sie ist. Im Stadion würde Jesus ganz sicher fündig! Und vielleicht würde er auch dort mitfiebern und mitfeiern, wo Gemeinschaft wächst und das Leben existenziell bereichert…

Fand überraschend große Resonanz: Der Wortgottesdienst der Trierer Eintracht zur Saisoneröffnung. (Foto: -jf-)
Das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern hat, seinen Ausgang bei Union Berlin nehmend, mittlerweile bei vielen Clubs, auch in Trier, schon Tradition. Sie gehörten jetzt auch zu den Initiatoren des erstmals durchgeführten Wortgottesdienstes vor Saisonbeginn …
SA: Als Religionspädagoge darf ich das seit 2018 stattfindende Weihnachtssingen im Trierer Moselstadion alljährlich durch einen religiösen Impuls mitgestalten. Das unterscheidet uns von vielen anderen Veranstaltungen dieser Art. Eine dezidiert theologische Perspektive gehört im Moselstadion von Beginn an dazu. Und das, obwohl wir gewiss kein Sammelbecken für kirchlich praktizierende Christen sind. Dennoch war den Verantwortlichen wichtig, dass der Kern des Festes hier nicht vor lauter Kitsch und Folklore verdeckt bleibt. Das Weihnachtssingen von Eintracht Trier kommt mit einer klaren Botschaft und einem damit verbundenen sozialen Auftrag daher: In Kooperation mit den Kindern des Hort-Trier-Nord begehen wir den Jahresausklang besinnlich, aber vor allem auch zugunsten der Benachteiligten unserer Stadt und unseres Viertels. Denen Gesicht und Stimme zu geben, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, unterstreicht die Haltung der aktiven Fanszene rundum den Supporters Club Trier (SCT), der Dachorganisation aller Fanclubs. Da ist eine theologische Begleitung nicht nur legitim, sondern essentiell.

Einträchtigkeit und Zusammenhalt – gerade das ist jetzt auch bei der Borussia in schwieriger Situation gefordert! (Foto: -jf-)
Was bezwecken Sie mit dieser Veranstaltung über den eigentlichen Gottesdienst hinaus (im Sinne einer Nachhaltigkeit)?
SA: Etwa 150 Besucherinnen und Besucher beim ersten Saisoneröffnungsgottesdienst in der Geschichte von Eintracht Trier, einem Regionalligisten, sind ein starkes Zeichen dafür, dass dieses Ereignis keine Eintagsfliege bleiben darf. Wenn man bedenkt, wie viele unterschiedliche Player hieran mitgewirkt haben, erfüllt uns Organisatoren dieser Tag rückblickend mit großer Dankbarkeit. Zum Wohle aller wurde hier etwas ermöglicht, das förmlich nach einer Fortsetzung ruft. Das Zusammenwirken soll perspektivisch allen Beteiligten zugutekommen. Ziel soll es sein, gerade in Trier, als einer Wiege des europäischen Christentums, einen spirituellen Lernort für Verein, Viertel und Stadt neu zu erschließen, so dass Zusammenhalt und Eintracht entstehen, wo sie am dringendsten benötigt werden: Im Leben der Menschen!
Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person: Dr. Samuel Acloque (SA), Jahrgang 1987, Lehramtsstudium für Geschichte und Katholische Theologie an der Universität Trier und der Theologischen Fakultät Trier, 2018 Promotion zum Dr. theol. mit einer religionspädagogischen Arbeit über die Weihnachtsbotschaft bei Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., seit 2002 Vereinsmitglied bei Eintracht-Trier und im Fanclub „Moselhaie ’93“, seit Okt. 2025 Juniorprofessor für Religionspädagogik am Lehrstuhl für Katechetik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT). (-jf-)
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