Zweimaliger Drei-Tore-Vorsprung reichte nicht

Aus der Borussen-Historie – heute vor 50 Jahren: Dramatisches 4:4 im Aufstiegsspiel zur 2. Liga Süd gegen Eintracht Trier

Unser Bild: Drin ist das Ding – nach dem Tor von Reiner Brinsa (li.) zum 4:1 schien die Partie zugunsten der Borussia entschieden. Triers Stopper Michael Veit kommt zu spät, Torwart Schröder ist ohne Chance. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Die Tage zwischen den Feiertagen im Mai und Juni waren und sind für die einen Fußballclubs und ihre Fans wirkliche Tage zum Feiern, für andere eher Anlass zum Trauern. Denn zwischen Himmelfahrt und Fronleichnam ist die Zeit der Relegationsspiele. Früher nannte man sie Aufstiegsspiele. Geradezu legendär dabei die Aufstiegsrunden zur Bundesliga zwischen den Jahren 1964 und 1974. Autor Ulrich Homann, Gründer und langjähriger Chefredakteur und Geschäftsführer der Zeitschrift „RevierSport“, blickt in seinem längst vergriffenen und nur noch antiquarisch zu erhaltenden Buch „Höllenglut an Himmelfahrt“ auf diese Begegnungen zurück, in denen es – wie der Buchtitel – suggeriert, aufgrund der ersten richtig sommerlichen Tage im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Rasen und auf den Rängen heiß her ging. Unbarmherzig brannte die Sonne auch heute vor 60 Jahren auf das Neunkircher Ellenfeld nieder, als Saarlandmeister Borussia an jenem 13. Juni den Titelträger aus dem Rheinland und alten Rivalen Eintracht Trier empfing. Dabei galt es für die Borussen, die letzte Chance zum Aufstieg in die gerade mal zwei Jahre alte 2. Liga Süd beim Schopf zu packen. Wir blicken auf eine packende, ja geradezu dramatische Partie heute vor einem halben Jahrhundert zurück.

„Mit Elan“ wollte Eintracht Trier das Ellenfeld erstürmen – so sah es jedenfalls der Karikaturist des „Trierischen Volksfreund“.

Schwitzen war angesagt auf den Rängen des Ellenfelds, denn unbarmherzig brannte das zentrale Gestirn unseres Systems auf Neunkirchen hinunter. Doch das war wohl nicht der einzige Grund, dass nur 5.000 Zuschauer, darunter die Hälfte aus der Moselmetropole, den Weg ins altehrwürdige Stadion gefunden hatte. Die Borussen waren nämlich zuvor ihrer Favoritenrolle in dieser Runde nicht gerecht geworden, hatten – weit von ihrer Bestform entfernt – zum Auftakt im Trierer Moselstadion an Christi Himmelfahrt glatt mit 0:3 das Fell über die Ohren gezogen bekommen und waren in den beiden Partien gegen Südwestmeister Wormatia Worms über zwei Unentschieden nicht hinaus gekommen: Beim 1:1im Ellenfeld hatte „Jupp“ Henkes sogar einen Handelfmeter verschossen und somit den Sieg vergeben, beim 2:2 in Worms konnten Heinz Histing und Reiner Brinsa zwar einen 0:2-Rückstand noch zum 2:2 ausgleichen, doch war das zu wenig für die Aufstiegsansprüche, die aufgrund der Tabellensituation jetzt nur noch durch einen klaren Sieg (mit drei und mehr Toren Unterschied) gewahrt werden konnten. In der Hand hatten es die Borussen selbst ohnehin nicht mehr, mussten am letzten Spieltag der Runde vier Tage später zuschauen, was Trier und Worms in der direkten Auseinandersetzung machten. Jedenfalls schienen nicht mehr viele der Anhänger in Schwarz und Weiß ihrer Mannschaft den Aufstieg zuzutrauen.

Dabei war Borussia souverän durch die vorangegangene Saison marschiert. 118 eigene Treffer, nur 18 Gegentore in 34 Spielen, 62:6 Punkte, Kantersieg en masse, lediglich am letzten Spieltag hatte man sich mit 0:1 eine Niederlage beim FSV Saarwellingen eingehandelt – eine Bilanz, die zeigt, dass die Borussen ein recht geruhsames Jahr hinter sich hatten. Zu geruhsam? Auf starke, attraktive Gegner war, sieht man einmal von einem Sieg gegen den 1. FC Saarbrücken in der Saisonvorbereitung und einem Erfolg im DFB-Pokal gegen die Offenbacher Kickers ab, jedenfalls verzichtet worden. „Dieses Abschirmen ist ein Teil der Wiederaufstiegstaktik. Die Gegner der Aufstiegsrunde sollen im Unklaren gelassen werden, die eigene Mannschaft ihr Selbstvertrauen behalten“, wurde die Vorgehensweise in der Presse gedeutet. Borussias Gegner aus Trier dagegen konnte die Einschätzung von Stärken und Schwächen der Borussen allerdings nicht schwerfallen. Horst Brand und Torhüter Karl-Heinz „Charly“ Schröder, nach ihrer Rückkehr zur Eintracht jetzt Leistungsträger im Moselstadion, hatten zuvor lange genug im Ellenfeld gespielt und kannten das Borussen-Team aus dem Eff-Eff. Ihre Tipps werden wohl mit zur Entzauberung Borussias im Hinspiel beigetragen haben!

Und doch schienen die Borussen das Blatt noch wenden zu können. „Man wollte ihnen die starke kämpferische Leistung nicht mehr zutrauen“, notierte „Kicker“-Berichterstatter Goebl und stellte fest: „In der ersten Halbzeit drückten die Einheimischen ihren Gast nahezu ständig in dessen Hälfte.“ In der Tat: Der Saarlandmeister nahm das Herz in beide Hände und ging aufs Ganze, wirkten dabei aber dennoch ziemlich nervös, so dass trotz der hohen Spielanteile der kompakte Trierer Abwehrriegel meist nicht vor größere Probleme gestellt wurde. Es dauerte bis zur 38. Minute, bis die Offensivbemühungen von Erfolg gekrönt wurden: Von der rechten Strafraumgrenze aus wagte „Jupp“ Henkes einen Schuss, mit dem er Torhüter Schröder überraschte – Borussia führte 1:0.

Die Überfalltaktik des Saarlandmeister entfaltete dann allerdings unmittelbar nach dem Seitenwechsel ihre volle Wirkung. Die Eintracht wurde in tropischer Hitze regelrecht kalt erwischt und lag, ehe sie sich versah, durch einen Doppelschlag von Mittelstürmer Josef Johann und Hans-Werner Eichhorn (46./47.) mit 0:3 im Rückstand. Sollten die Borussen doch noch einmal ins Aufstiegsrennen zurückkehren? Jedenfalls gab auf den Rängen zu diesem Zeitpunkt niemand mehr auch nur einen Pfifferling für die Gäste von der Mosel. Doch die schüttelten den Schock schnell ab. Angetrieben durch ihre Fans und Trainer Hans-Wilhelm-Lossmann, der vor der Aufstiegsrunde überraschend Meistercoach Günter Geulich auf der Bank abgelöst hatte, rafften sich die Blau-Schwarzen noch einmal unerwartet auf und kamen durch Elmar Frank zum Anschluss: Der Mittelstürmer stand bei einer Flanke goldrichtig und ließ Borussen-Torwart Jürgen Muche per Kopf keine Chance (58.). Doch Borussia hatte prompt die Antwort parat: Denn die Trierer Freude nutzte Reiner Brinsa, Borussias Defensivkraft mit Stürmerblut, im Gegenzug noch in derselben Spielminute (58.) kalt wie eine Hundeschnauze aus, stieß auf der rechten Angriffsseite blitzschnell nach vorne und zog aus etwa 7 Metern aus vollem Lauf ab – Triers baumlanger Abwehrspieler Michael Veit kam zu spät und auch Torhüter Schröder konnte dem Leder nur noch hinterhersehen. Wenn das nicht die Entscheidung war?!

Doppelschlag nach der Pause: Johann und Eichhorn stellten das Resultat binnen einer Minute auf 3:0 (oben und Mitte), entsprechend groß war der Jubel bei den Borussen (unten). (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Borussias Coach Stefan Abadjiew bescheinigte beiden Mannschaften in der Gluthitze des Ellenfelds „ein großes Spiel voller Dramatik und Tempo. Wir hätten mit Glück gewinnen können, aber die Trierer haben halt diesen schnelle Geirsson.“ Abadjiews Gegenüber Hans-Wilhelm Lossmann lobte sein Team über den grünen Klee: „Wenn eine Mannschaft zweimal einen Drei-Tore-Rückstand aufholt, dann verdient das höchste Anerkennung!“ Der Eintracht-Coach bedauerte, „dass wir gleich nach der Pause diese schwache Minute hatten, in der wir die Übersicht verloren und folglich zwei Tore kassiert haben.“ Den Sekt wollte der Trainer aber noch im Kühlschrank lassen: „Wir wissen, dass auch Worms ähnlich wie die Borussia am Donnerstag uns mit allen erdenklichen Mitteln noch ein Bein stellen und selbst aufsteigen will“, blickte Lossmann voraus. Doch aufgeschoben war nicht aufgehoben: Die Eintracht besiegte vier Tage später Wormatia Worms in einer nicht minder dramatischen Partie (ebenfalls nach 4:1-Vorsprung) knapp mit 5:4 – der als Außenseiter ins Rennen gegangenen Rheinlandmeister war am Abend des Fronleichnamstages neuer Zweitligist, Borussia schaute nach aufregenden Tagen zwischen Himmelfahrt, Höllenglut und Fronleichnam in die Röhre. (-jf-)

Statistik – 13. Juni 1976: Borussia – Eintracht Trier 4:4 (1:0)

Borussia: Muche – Brinsa (ab 73. Schindler), Alt, Lang, Hess, Histing, Henkes, Eichhorn, Hoffmann, Wilhelm, Johann. – Trainer. Abadjiew.

Trier: Schröder – Tullius, Bleidt, Zöllner, Redwanz, Veit, Basten (ab 73. Zimmer), Brand, Geirsson, Frank, Riemann. – Trainer: Lossmann.

Tore: 1:0 (38.) Henkes, 2:0 (46.) Johann, 3:0 (47.) Eichhorn, 3:1 (58.) Frank, 4:1 (58.) Brinsa, 4:2 (62.) Brinsa (Eigentor), 4:3 (65.) Frank, 4:4 (83.) Brand. – Trainer: Lossmann. – Schiedsrichter: Scheffner (Nußloch). – Zuschauer: 5.000.   

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*