Aus der Borussen-Historie – heute vor 59 Jahren: Borussia kehrt mit einem 1:1 am Essener Uhlenkrug in die Bundesliga zurück – erster Wiederaufsteiger der Bundesligageschichte
Unser Bild: Borussias Mannschaft vor dem Spiel bei Schwarz-Weiß Essen – 90 Minuten später war diese Truppe wieder Bundesligist! (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
In seinem längst vergriffenen und nur noch antiquarisch zu erhaltenden Buch „Höllenglut an Himmelfahrt“ blickt Ulrich Homann, Gründer und langjähriger Geschäftsführer des Magazins „RevierSport“ auf Begegnungen zurück, in denen es – wie der Buchtitel – suggeriert, aufgrund der ersten richtig sommerlichen Tage im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Rasen und auf den Rängen heiß her ging. Die Tage zwischen den Feiertagen im Mai und Juni (zwischen Himmelfahrt und Fronleichnam) sind die Zeit der Relegationsspiele. Früher nannte man sie Aufstiegsspiele. Geradezu legendär dabei die Aufstiegsrunden zur Bundesliga zwischen den Jahren 1964 und 1974. Gleich fünf Mal (1964, 1967, 1971, 1972 und 1974) nahm auch die Borussia an diesen Spielen teil – mit wechselndem Erfolg. 1964 und 1967 gelang der Sprung in die erste Liga, in den drei weiteren Runden scheiterten die Borussen an Fortuna Düsseldorf (1971), dem Wuppertaler SV (1972) und Tennis Borussia Berlin (1974). Exakt heute vor 59 Jahren reichte ein 1:1 bei Schwarz-Weiß Essen, um als erster Club in der Bundesliga-Geschichte ein Jahr nach dem Abstieg direkt wieder in die deutsche Eliteklasse zurückzukehren.
Die Ausgangssituation vor der Partie an jenem Mittwochabend (18.30 Uhr) am Uhlenkrug war klar: Borussia brauchte nach fünf Siegen gegen Arminia Hannover (2:1 und 4:3), in Berlin bei Hertha BSC (2:1), im Ellenfeld gegen die Schwarz-Weißen aus Essen (2:0) und gegen Bayern Hof (4:0, nachdem das Hinspiel mit 2:5 verloren gegangen war) einen Punkt im Ruhrpott, um der Aufstieg perfekt zu machen, der Gegner musste bei drei Punkten Rückstand gewinnen, um die letzte Chance zu wahren. Acht Jahre nach dem Pokalfinale von 1959 in Kassel, das die Essener mit 5:2 gewonnen hatten, standen sich Neunkirchen und der ETB erneut in einem wichtigen Spiel gegenüber.
Im Hinspiel vor 20.000 Fans im Ellenfeld waren die Schwarz-Weißen, die vor dem Seitenwechsel durch Braun und Walitza „nach blitzschnellen Vorstößen zweimal das Holz trafen“ in der zweiten Halbzeit „dem Tempospiel der Borussen nicht gewachsen“, berichtete der „Kicker“. In Gerhard Reuthers Nachlese es weiter heißt: „Pässe und Vorlagen kamen wie gestochen. Gayer mit eleganter Technik war kaum vom Ball zu trennen. Da hatte die Abwehr kaum noch Arbeit zu verrichten. Sie stützte sich auf einen zuverlässigen und strafraumbeherrschenden Kirsch.“ Dessen Gegenüber, Hermann Merchel, habe hinter einer überforderten Abwehr mit etlichen reaktionsschnellen Paraden eine höhere Niederlage verhindert.

Das Tor uns Glück: Wolfgang Gayers Kopfball senkt sich ins Netz (oben), Essens Keeper Hermann Merchel wirkt konsterniert (Mitte), großer Jubel dagegen bei den Borussen (unten). (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)


Doch all das zählte nicht mehr, als die beiden Teams in Schwarz und Weiß am 17. Juni 1967 ins Stadion am Uhlenkrug, das mit 10.000 Zuschauern gut gefüllt war, einliefen. Trainer Zeljko Cajkovski hatte vor dem Spiel überlegt, seine Stars Günter Kuntz, Wolfgang Gayer, Erich Hermesdorf und Jürgen Pontes auf der Bank zu lassen und für das vermeintlich entscheidende Heimspiel am letzten Spieltag der Runde gegen Hertha BSC zu schonen, doch angesichts der Tatsache, dass die Rückkehr in die Bundesliga bereits mit einem Punkt in Essen gesichert war, auf diese Vorsichtsmaßnahme verzichtet. Und das war gut so, war es doch der Österreicher und Top-Torschütze Gayer, der nach 68 Minuten mit seinem Kopfball Hans Walitzas frühen Führungstreffer (18.) ausglich, alle Sorgen der Borussen verscheuchte und das Tor zur Bundesliga weit aufstieß. Doch eine Glanzleistung war die Partie beileibe nicht, denn „Neunkirchen blieb in Essen den Beweis schuldig, dass die Mannschaft tatsächlich die beste in der Gruppe ist. Aber die Erfolge allein zählen, und die sprachen auch in Essen für die Borussen“, resümierte „Kicker“-Berichterstatter Gerd Hahn die 90 Minuten am Uhlenkrug. Der Unterschied habe vor allem in der Effizienz bestanden: „Während Essen wieder einmal beinahe ein Dutzend Chancen für das eine Tor benötigte, führte die rationelle Spielweise der Gäste auf viel kürzerem Weg zum Erfolg.“ Der West-Zweite sei „mit viel Kraftverschwendung“ und „ungenügenden Angriffsbemühungen dem Sieg nachgejagt, die Borussen dagegen hätten „gewiss nicht alle Trümpfe ausgespielt, weil sie sich eine gewisse Zurückhaltung leisten konnten“, so der „Kicker“, der Borussia bescheinigte, trotz der höheren Spielanteile des ETB „von wenigen Ausnahmen abgesehen stets die Situation beherrscht“ und „mit den schnellen Stürmern eine Erfolgstaktik angewendet“ zu haben. Der „Kicker“ lobte den Einsatzwillen der Gastgeber, doch allein damit hätten der entscheidende Mangel („ungenügend besetzte Schaltstationen“) nicht überbrückt werden können.



Das Sportmagazin gratulierte den Borussen sowie Mitaufsteiger Alemannia Aachen zum Aufstieg: „Sie repräsentieren alte deutsche Fußballtradition, zwei Hochburgen, in denen die Leistung der Spieler und die Begeisterung der Anhänger schon immer großgeschrieben wurden, vielleicht auch deshalb, weil beide Vereine ihre Heimat an Deutschlands Grenze haben.“ Die Borussen hätten, heißt es weiter „Bewunderung verdient, weil sie trotz des Abstiegs im vergangenen Jahr und trotz des damit verbundenen Aderlasses an guten Spielern als erster Bundesliga-Absteiger binnen Jahresfrist den Aufstieg schafften. Wer soviel Vitalität, soviel Selbstvertrauen entwickelt, ist aus hartem Holz geschnitzt, heißt es in der Sprache der damaligen Zeit, wobei bei den Borussen der Begriff „aus hartem Saar-Stahl“ sicher angemessener gewesen wäre.

„Borussia ist wieder da!“ Riesenfreude nach dem Spiel im Uhlenkrug mit Trainer, Spielern und dem mitgereisten Anhang. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Die „Schwarz-Weißen Blätter“, das Nachrichtenmagazin für die Mitglieder der Borussia, berichtete von „unbeschreiblichem Jubel in Neunkirchen“ nach dem 1:1 von Essen. Die Spieler wurden im Autokorso zum Rathaus gebracht. Autor Erich Menzel notiert: „Der improvisierte Empfang wurde zu einem Freudenfest! Oberbürgermeister Friedrich Regitz ließ es sich nicht nehmen, den neuen Bundesligisten zu beglückwünschen und viele, viele Anhänger jubelten ihrer erfolgreichen Mannschaft und ihrem Trainer zu. Das war spontane Begeisterung, und die so begeisterungsfähige kleine Industriestadt Neunkirchen zog damit erneut in die Reihe der prominenten Städte ein, die Sitz eines Bundesligavereins sind: Ein Zwerg unter Riesen, aber ein Zwerg, der von sich reden macht und dessen Vergangenheit von Lebenstüchtigkeit und unzerbrechlichem Lebenswillen zeugt.“

Begeisterung in Neunkirchen: Autokorso zum Rathaus und Empfang beim Oberbürgermeister. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
Dass das finale Heimspiel der Aufstiegsrunde ein paar Tage später mit 0:1 gegen Hertha BSC verloren ging, spielte da keine Rolle mehr. Trotz der Niederlage herrschte in der Borussen-Kabine gute Stimmung, die Coach Zeljko Cajkovski im „Kicker“ entsprechend beschrieb: „Wenn es um nichts mehr geht, fehlt halt doch die Konzentration. Wenn wir die Strapazen der letzten Wochen berücksichtigen, gibt es keinen Grund, mit der Mannschaft unzufrieden zu sein. Sie hat das Beste geleistet und den Aufstieg erreicht.“ (-jf-)
Statistik – 21. Juni 1967: ETB Schwarz-Weiß Essen – Borussia 1:1 (1:0)
Essen: Hermann Merchel – Hermann Bredenfeld, Hans Hülsmann, Karl-Heinz Mozin, Horst Kracht, Günter Leufgen, Herbert Stoffmehl, Manfred Kaufmann, Theo Klöckner, Gerd Kohl, Hans Walitza. – Trainer: Horst Witzler.
Borussia: Horst Kirsch – Peter Czernotzky, Erich Leist, Gerd Regitz, Wolfgang Gayer, Erich Hermesdorf, Dieter Schock, Günter Kuntz, Ludwig Lang, Hans Linsenmaier, Jürgen Pontes. – Trainer : Zjelko Cajkovski.
Tore: 1:0 (18.) Walitta, 1:1 (68.) Gayer. – Schiedsrichter: Rudolf Kreitlein (Stuttgart). – Zuschauer: 10.000.
Habe die Beiden Aufstiege der Borussia miterlebt.Um so mehr tut es weh was sich heute bei der Borussia abspielt.