„Wir hätten noch drei Stunden weiterspielen können …“

„… und hätten doch verloren“ (Horst Buhtz) / Aus der traditionsreichen Geschichte der Borussia – heute vor 61 Jahren: Rückkehr von Günter Kuntz in seine Heimat Kaiserslautern ohne Erfolg / Borussen nach der Pause überlegen, aber ohne Fortune und Durchschlagskraft in der Offensive

Bild mit Symbolcharakter (1): Ausgerutscht sind Elmar May und die Borussia nach vier Spielen ohne Niederlage auf dem schneebedeckten Betzenberg. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Im Jahr 2026 würde die Partie wohl gar nicht erst angepfiffen werden. Denn als an jenem 27. Februar, heute vor genau 61 Jahren, die Roten Teufel und die Borussia, angeführt von Schiedsrichter Sparing aus Kassel, im Nachbarschaftsduell Pfalz gegen Saar den Platz im Stadion Betzenberg betraten, war von grünem Rasen nicht viel zu sehen. Der Winter hatte noch ein letztes Mal zugeschlagen und in Zeiten, in denen von Rasenheizung noch keine Rede war, weite Teile des Spielfeldes mit seiner weißen Pracht zugedeckt. Hochklassiges Niveau durften die rund 25.000 Zuschauer, unter ihnen zahlreiche Fans aus dem Ellenfeld, deshalb nicht erwarten. Es waren schwierige Platzverhältnisse, „die eine Mischung von schneebedecktem Boden, gefrorenem und aufgeweichten Rasen darstellten. Es gab eine Unzahl von Stürzen und Karambolagen, denen der Unparteiische dadurch zu begegnen suchte, dass er viel – viel zu viel! – pfiff“,“, so die Berichterstattung in der „Saarbrücker Zeitung“.

Die bessere taktische Marschrichtung hatten da offensichtlich die Betzenberger gewählt, „die mit fünf Mann in der eigenen Hälfte operierten und mit weiten Pässen in die Tiefe versuchten, die Neunkircher Abwehr aufzulockern“, analysierte „Kicker“-Reporter Horst Ludwig. Durch das schnelle Zuspiel sei das Lauterer Spiel flüssiger und vielversprechender gewesen. Die Gastgeber, die schon früh durch Willi Wrenger in Führung gegangen waren (4.), hätten die Partie schon beim Pausenpfiff entschieden haben können: „So verfehlte Richter nur um Zentimeter eine Flanke von Reitgaßl, und auch Braner und erneut Richter ließen in der Folge gute Tormöglichkeiten aus“, berichtet der „Kicker“, der Borussias Keeper Horst Kirsch eine tadellose Leistung bescheinigte: „Durch glanzvolle Paraden verhinderte er weitere Treffer.“ Borussias Offensivmotor stotterte erheblich, was aber laut „Kicker“ offensichtlich nicht nur an den frostigen Temperaturen lag: „Sowohl May als auch Kuntz hatten mit ihren Verteidigern Kostrewa und Kiefaber zwei aufmerksame Beobachter, die sie nur selten zur Entfaltung kommen ließen.“ Da sich zudem Sturmtank Günter Heiden mit dem schweren Geläuf überhaupt nicht zurechtfand, Horst Berg von Lauterns Schneider vor dem Seitenwechsel fast gänzlich ausgeschaltet wurde und Volker Münz meist mit Defensivaufgaben beschäftigt war, verbrachte FCK-Torwart Horst-Dieter Strich recht entspannte erste 45 Minuten.

Bilder mit Symbolcharakter (2): So wie hier Stürmer Horst Berg (re., gegen Lauterns Verteidiger Roland Kiefaber) versuchten es die Borussen auf dem Betzenberg allzu oft mit dem Kopf durch die Wand (oben). Pechvogel Horst Kirsch: Das Leder schien schon eine sichere Beute des Borussen-Keepers zu sein (Mitte), ehe es ihm dann doch entglitt und aufreizend langsam über die Linie trudelte (unten)! (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Doch das änderte sich nach dem Seitenwechsel. Jetzt konnten sich die Borussen zunehmend aus der pfälzischen Umklammerung lösen und kontern. „Vor allem Achim Melcher stellte hier sein großes Können unter Beweis und sorgte aufgrund seines überlegten Spiels für die gefährlichsten Szenen der Neunkircher. Auch Schock und Schröder setzten jetzt ihre Sturmspitzen Kuntz, Heiden und May immer wieder gut in Szene“, weiß der „Kicker“ zu berichten. Was dazu führte, dass „in der Lauterer Elf alles kopflos durcheinander lief.“ Doch leider fehlte auf Seiten Borussias der Lohn in Form eines Treffers, verpassten es die Borussen doch, „in einer nun überlegen geführten Begegnung, die sturmreife Festung zu erobern“ (SZ). Mit viel Kampfkraft überstanden die Gastgeber eine bange halbe Stunde, ehe Helmut Kapitulski, der im Sommer zuvor vom Nachbarn FK Pirmasens nach Kaiserslautern gewechselt war, mit dem 2:0 eine Viertelstunde vor Schluss die um den Sieg zitternden Teufel erlöste gegen eine Borussia, die allzu oft „mit dem Kopf durch die Wand durchzukommen versuchte“ (SZ).

So endeten auf dem schneebedeckten Betzenberg an jenem Nachmittag gleich zwei Serien: Der 1. FCK konnte nach drei Niederlagen in Serie erstmals wieder gewinnen und einen Absturz verhindern, die Borussen verloren nach vier Spielen erstmals wieder eine Partie und mussten den Gegner in der Tabelle an sich vorbeiziehen lassen. Es blieb spannend im Kampf um den Klassenerhalt: Den Tabellenneunten, Borussias Mitaufsteiger Hannover 96, und Schlusslicht Hertha BSC Berlin trennten nur vier Zähler! Mittendrin die Borussen, die punktgleich mit Braunschweig, Karlsruhe und Stuttgart gerade noch so auf dem rettenden Ufer (Platz 14) saßen. Am nächsten Spieltag sollte jetzt der Spitzenreiter (und spätere Meister) Werder Bremen ins Ellenfeld kommen (und mit 1:1 Federn lassen).

FCK-Coach, Weltmeister Werner Liebrich, war nach den 90 Minuten naturgemäß zufrieden: „Unser Rezept ist aufgegangen. Wir haben bewusst aus der Defensive heraus die Neunkircher Abwehr aufgerissen. Nach der Pause war die Borussia für zwanzig Minuten richtig stark, aber dann kam der Konterschlag, der uns den Sieg brachte.“ Ernst Weustenhagen, der zweite Vorsitzende der Roten Teufel, sprach von einem „verdienten Sieg, da wir die klareren Torgelegenheiten hatten. In Anbetracht der schweren Bodenverhältnisse hatten wir auch die richtige Taktik, von der die Neunkircher sichtlich überrascht waren.“ Taktik hin, Taktik her – für Horst Buhtz war die mangelnde Durchschlagskraft in der Offensive spielentscheidend: „Wir sahen zwar optisch gut aus, waren aber nicht torgefährlich genug. Wir hätten drei Stunden so weiterspielen können und wahrscheinlich doch verloren“, meinte der sichtlich enttäuschte Borussen-Coach.

Faust gegen Kopf: Der gebürtige Lauterer im Borussen-Dress, Günter Kuntz, hier im Duell mit FCK-Torhüter Horst-Dieter Strich, musste ohne Punkte die Heimfahrt in seine neue Heimat Neunkirchen antreten (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Für einen im Aufgebot der Mannschaft aus dem Ellenfeld war es, wie immer, eine ganz besondere Partie in der Heimat: Stürmer und Kapitän Günter Kuntz, der gebürtige Kaiserslauterer, war vom Erbsenberg, wo sein Heimatclub VfR Kaiserslautern zuhause war, bekanntlich im Sommer 1960 ins Saarland gewechselt. Dort sollte er – bis heute – heimisch werden. Während der damals 25jährige den Bus Richtung Pfalz bestieg, war Söhnchen Stefan, gerade mal zweieinhalb Jahre alt, zuhause in Neunkirchen geblieben. Was da noch keiner ahnen konnte: Der kleine Mann sollte auf dem Betzenberg ein Vierteljahrhundert später die erfolgreichste Zeit seiner späteren Karriere erleben! (-jf-)

Statistik – heute vor 61 Jahren: 1. FC Kaiserslautern – Borussia 2:0 (1:0)

FCK: Strich – Kiefaber, Kostrewa, Mangold, Schwager, Schneider, Reitgaßl, Wrenger, Braner, Kapitulski, Richter.

Borussia: Kirsch – Schröder, Schreier, Melcher, Leist, Schock, May, Münz, Heiden, Berg, Kunz.

Tore: 1:0 (4.) Wrenger, 2:0 (75.) Kapitulski. – Schiedsrichter: Sparing (Kassel). – Zuschauer: 25.000.

Herzlichen Dank an Steffen Hauck für den Einblick ins „Kicker“-Archiv!

Untenstehend weitere Foto-Impressionen vom Spiel der Borussia heute vor 61 Jahren auf dem Betzenberg. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)