Der mit dem Kahn tanzte

Diese Szene beeindruckt Horst Brand bis heute. Sein Spieler Carlos Nimebi Numa hatte 1991 einen blutjungen afrikanischen Landsmann zum Probetraining ins Ellenfeld mitgebracht. „Das hatte er öfter mal gemacht, aber die Talente waren nicht immer so gut, wie sie angepriesen wurden. Eines Tages kam er wieder mal: `Trainer, ich kenne da einen, der ist richtig gut!´ ´Okay´, hab ich gesagt, `den einen kannst du noch mitbringen, aber dann ist Schluss.´“, erinnert sich der frühere Borussen-Trainer. Was der damals 17jährige namens Augustine Azuka Okocha allerdings vorführte, ließ Horst Brand baff erstaunen – was selten vorkommt: „Der hatte eine unglaubliche Technik und Ballbehandlung, der hat Dinge gemacht, da hätten wir uns alle Füße gebrochen. Schüsse mit rechts und links aus dem Fußgelenk, dazu noch weite Einwürfe.“ Borussia wurde mit Okocha 1991 Meister der Oberliga. Leider war Okocha in der Aufstiegsrunde zur 2. Liga gegen 1860 München, den 1. FC Pforzheim und Hessen Kassel laut Statuten nicht spielberechtigt. „Unsere Aufstiegschancen wären erheblich größer gewesen“, ist sich Horst Brand noch heute sicher.

Lang, lang ist´s her. Wie lang, das wird einem bewusst, wenn man weiß, dass jener Okocha, von allen liebevoll nur „Jay Jay“ gerufen, vorgestern 50 Jahre alt geworden ist. Nur ein knappes Jahr wirbelte der großartige Techniker im Ellenfeld, wo er einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. So nachhaltig, dass eines Tages ein smarter Mann mit Schnauzbart und von Zigarillos gegerbter Stimme in Neunkirchen auftauchte. Als er noch Trainer bei Borussias Oberliga-Konkurrent Eintracht Trier war, war ihm der junge Afrikaner aufgefallen. Bei einer Spielbeobachtung, wo er eigentlich einen anderen Akteur auf dem Schirm hatte! Für eine nach heutigen Verhältnissen nahezu lächerliche Ablösesumme von 25.000 Mark lotste Dragoslav Stepanovic Jay Jay Okocha zu Eintracht Frankfurt in die Bundesliga. „Lebbe geht weiter“, sagten sie sich derweil im Ellenfeld.

Am Main setzte sich der damals 20jährige Dribbelkönig wenig später mit fünf Haken in elf Sekunden ein Denkmal für die Ewigkeit. Jay Jay Okochas Tor gegen Nationalkeeper Oliver Kahn, damals noch in Diensten des Karlsruher SC, ist unvergessen. Nicht zuletzt durch Fernseh-Kommentator Jörg Dahlmann, der die Szene an jenem regnerischen Abend des 31. August 1993 mit geradezu verzückter Stimme in der Fußballsendung vor staunendem Publikum in epischer Breite zelebrierte: „Hier ist er – Okocha – Jay Jay Okocha – immer noch – Jay-Jay Okocha – noch ein Dreher, noch ein Dreher und – drin! Da reißt er sein Trikot vom Leib, tanzt noch einen Samba für das Publikum. Ekstase im Waldstadion! Das haben wir seit Libuda nicht mehr erlebt. Das ist das Beste, was der Fußball bieten kann. Oh, wie ist das schön, oh, wie ist das schön! Liebe Zuschauer, die Zeit für meinen Bericht ist zwar abgelaufen, aber egal. Sollen sie mich rausschmeißen. Ich zeige Ihnen die Szene bis zum Umfallen. Toll, dieser Jay-Jay Okocha, wie er hier Kahn aussteigen lässt. Dann ist es Reich und auch noch Bilic. Dann versucht sich auch noch Lars Schmidt. Was soll’s! Drin ist der Ball! Klasse! Mannomann, ist das eine tolle Szene gewesen!“

Mit diesem Tanz zum 3:1 war der Deckel für die Frankfurter endgültig drauf. Die Erin­ne­rungen an diesen Moment sind ver­wa­schen. ​„Min­des­tens eine Minute lang“, glaubt Bernd Höl­zen­bein, damals Vize-Prä­si­dent der Ein­tracht, sei Okocha vor dem Tor von KSC-Schluss­mann Oliver Kahn hin und her gerannt. ​„Min­des­tens neunmal“, glaubt Klaus Topp­möller, damals Trainer der Frank­furter, habe er gerufen ​„Schieß doch!“ Und Okocha? Der behauptet allen Ernstes: ​„Ich hatte gar nicht vor, den Ball so lange zu halten.“ Elf Sekunden sind im Pro­fi­fuß­ball eine Ewig­keit. ​„Nach dem Spiel kam Trainer Topp­möller auf mich zu und sagte, dass ich unter ihm nie wieder gespielt hätte, wenn der Ball nicht rein­ge­gangen wäre“, erin­nerte sich Okocha einst im Inter­view mit ​„Süd­deut­schen Zei­tung“. ​„Und ich hätte Topp­möller in dieser Ent­schei­dung gestärkt“, sagt Bernd Höl­zen­bein.

Mit der Borussia Oberliga-Meister: Jay Jay Okocha, oben beim „Tänzchen“ mit Triers Jörg Marcinkowski. Im Hintergrund beobachten Runald Ossen und Torhüter Jürgen Roth die Darbietung (Foto: -jf-), unten bei einem Besuch Jahre später im Ellenfeld-Stadion (Foto: Festschrift 90 Jahre Borussia Neunkirchen).

Jay Jay Okocha war ein echter Straßenfußballer. Dort hat er seine Tricks gelernt. „In meiner Kindheit in Enugu spielten wir nur aus Liebe zum Spiel, nicht um später mal Profi zu werden. Das Spiel war nicht organisiert, wir konnten mit dem Ball machen, was wir wollten. Es gab keinen Trainer, keine Schuhe, nicht mal richtige Fußbälle. Als ich auf die weiterführende Schule kam, nahm ich an Schulturnieren teil. Erst da erhielt ich meine ersten Fußballschuhe. Mein Ballgefühl kommt also von der Straße“, hat er einmal in einem Interview des „Kicker“ erzählt. Durch seinen Bruder Emanuel ist er nach Deutschland gekommen: „Er spielte damals in Marburg und kaufte mir das Flugticket. Ich stand in Nigeria ursprünglich bei den Enugu Rangers unter Vertrag, hatte aber schon im Kopf, dass ich vielleicht die Möglichkeit bekommen könnte, für einen Verein in Deutschland zu spielen. Meinen ersten Vertrag unterschrieb ich dann bei Borussia Neunkirchen.“

Beinahe wäre er beim FC Bayern gelandet. Als Gastspieler der Bayern-Jugend nahm Jay Jay an einem Turnier in der Schweiz teil, danach lud Uli Hoeneß ihn nach München ein. Doch da er für einen Profivertrag zu jung war, boten ihm die Münchener Granden nur einen mündlichen Vertrag an. Doch das wollte der begnadete Techniker nicht: „Sorry, ich kam den ganzen Weg aus Nigeria hierher, da kann ich doch keinen mündlichen Vertrag akzeptieren. Damit hätte ich keinerlei Garantie gehabt, wenn ich mich zum Beispiel verletzt hätte. Ich glaube, sie realisierten nicht, dass sie mir auch einen Amateurvertrag hätten geben können – den hätte ich unterschrieben. Doch ich sollte ein Jahr warten, um dann einen Profivertrag zu bekommen“, erzählt Okocha. Den Weg nach Frankfurt hat er indes nie bereut. Dragoslav Stepanovic bezeichnet er noch heute als seinen besten Trainer und gleichzeitig eine Art Fußball-Vater: „Es war damals schwierig, einem jungen afrikanischen Spieler zu vertrauen und an seine Fähigkeiten zu glauben. Doch er schenkte mir dieses Vertrauen und ermunterte mich, mein Talent zu zeigen. Ich erinnere mich noch gut, wann immer ich den Ball hatte und über die rechte Seite kam, rief er: „Geh, mach ihn nass!“

So kannte man ihn aus seiner Zeit im Ellenfeld: Der junge Jay Jay Okocha (oben), der in Theo Britz (unten li.) einen engagierten Absprechpartner hatte. Theo Britz, eine Art „Mädchen für alles bei Borussia“, kümmerte sich für die ausländischen Spieler um Aufenthaltsgenehmigung, Visum und Wohnung und beherbergte und verköstigte Jay Jay Okocha eine Zeitlang bei sich zuhause, so dass der immer fit und einsatzbereit (unten Mitte) war, darüber hinaus einen Tröster hatte, wenn er mal nicht spielen durfte (unten re.). (Fotos: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)

Sein größter Erfolg: Der 3:2-Olympiasieg mit Nigeria gegen Argentinien. Nicht minder wertvoll: Die 1994er-WM-Qualifikation mit seinem Heimatland. 74 Spiele hat er für die Super Eagles bestritten, 14 Tore erzielt, führte das Team 2004 zur Afrika-Meisterschaft, war dabei sogar noch Torschützenkönig und Afrikas Fußballer des Jahres. Und durfte auf Clubebene bei Fenerbahce Istanbul, Paris St. Germain, den Bolton Wanderers, in Qatar und zum Schluss wieder in England bei Hull City nicht nur viele Erfahrungen sammeln, sondern tolle Erlebnisse genießen. Die Trainertätigkeit war keine Option: „Ich wollte die Freiheit haben, über mein Schicksal selbst zu bestimmen, und nicht irgendwo unter Vertrag stehen. Außerdem wäre mir der Druck als Trainer zu groß“, sagt er im „Kicker“-Interview. Als Experte im Fernsehen und Geschäftsmann ist Familienmensch Jay Jay Okocha, der mittlerweile auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, international unterwegs.

Ob er dabei auch ab und zu noch an die Borussia denkt, seine erste Station in Deutschland in Neunkirchen, wo sein Stern aufging? Auf jeden Fall gehen nachträglich die besten Wünsche und Gedanken zum 50. Geburtstag an Jay Jay Okocha: Viel Gesundheit, Glück und Erfolg! Und sollte ihn sein Weg irgendwann mal ins Saarland führen, soll er wissen: Im Ellenfeld ist Jay Jay Okocha jederzeit herzlich willkommen! (-jf-)

Für alle, die Jay Jay Okochas legendäres Tor (vor fast exakt 30 Jahren) noch nicht gesehen haben oder es wieder einmal sehen wollen – hier ist es:

2 Kommentare

  1. Schön dass im Bericht auch T. BRITZ erwähnt wird. Als‘ Mädchen für alles‘ hatte er großen Einfluß auf die Entwicklung dieses absoluten Ausnahmefußballers.Theo hat diesbezüglich eine große Lücke hinterlassen. So jemand hätte heute vielleicht auch R. Torres helfen können.

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