Ein seltener Geburtstag: Der „weiße Blitz“ wurde 90!

Unser Bild: Flinker Linksaußen Rüdiger Gratz (re.) … (Foto: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Sein helles Haar, kombiniert mit seiner Schnelligkeit, brachte ihm den Ehrennamen ein: „Der weiße Blitz“ aus Theley war oft nur durch regelwidriges Einsteigen zu bremsen. Dass ein Stürmer wie er nur zwei Vereine in seiner Fußballer-Vita stehen hat, ist heutzutage rar. Beide Vereine haben gemeinsame Clubfarben, tragen beide das VfB im Namen: Schwarz und Weiß. Rüdiger Gratz schlüpfte ins Trikot des VfB vom Schaumberg und des VfB Borussia vom Ellenfeld. Am gestrigen Ostermontag feierte er einen Geburtstag, der nur wenigen vergönnt ist: Rüdiger Gratz wurde 90! Alle Borussen gratulieren mit ein klein wenig Verspätung, aber deshalb nicht weniger herzlich!

Der Jubilar gehörte zu seiner Aktiven-Zeit zwar nicht zu den schillernden Aktiven der Borussia. Doch war er bescheiden und bodenständig stets die Zuverlässigkeit in Person. Immer da, wenn er gebraucht wurde. Auf diese Weise machte er seinem Namen „Rüdiger“ alle Ehre: Aus den altdeutschen Begriffen „hruod“ (Ehre) und „ger“ (Speer) zusammengesetzt bedeutet Rüdiger so viel wie „ruhmreicher Speerkämpfer“. Als ein solcher hatte er sich schon in Theley erwiesen, wo er von 1958 bis 1963 in der 2. Liga unterwegs war. Und nach seinem Wechsel ins Ellenfeld, wo er am 4. August 1963 gegen die Spvgg Weisenau Premiere feierte, hatte er am Meisterstück der Borussen als Speerspitze in der Offensive in der damals neuen Regionalliga Südwest einen gehörigen Anteil: Bei 20 Einsätzen erzielte der damals 27jährige 12 Tore – hinter Günter Kuntz und Elmar May die drittbeste Bilanz in der vereinsinternen Torjägerliste. Sein erfolgreichstes Spiel: Am 21. Spieltag steuerte Rüdiger Gratz gleich drei Treffer zum 10:0-Heimsieg über den SV Niederlahnstein bei. Über den anschließenden Aufstieg in die Bundesliga war sein Dienstherr beim Landratsamt Ottweiler nicht gerade begeistert. Die Problematik jener Zeit: Seine Mannschaftskameraden waren fast alle in der freien Wirtschaft tätig und wurden von ihren Arbeitgebern großzügig freigestellt, wenn Trainer Horst Buhtz zu den Trainingseinheiten rief. So einfach war es für den flotten Stürmer aus Theley nicht, den Bundesliga-Nebenberuf optimal auszuüben, dürfte er doch das Amt erst zum offiziellen Dienstschluss um 16.30 Uhr verlassen. Manche Übungseinheit und Teile der Vorbereitung auf das kommende Spiel verpasste Rüdiger Gratz.

… oft nur durch regelwidriges Einsteigen zu bremsen (oben) und beim Torabschluss gegen Röchling Völklingen, beobachtet von Weltmeister Horst Eckel im Hintergrund. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen)

In der Folge gehörte er in der Bundesliga zwar immer zum Aufgebot, hatte aber keinen Platz unter den ersten Elf. Der Grund dafür. dass er sich in diese Rolle fügte und nicht aufbegehrte: „Der Beruf und die damit verbundene Sicherheit hatte immer Vorrang bei mir. Allerdings bekam ich selbst als Edelreservist bei der Borussia, wo ich in der Bundesliga-Reserve spielte, monatlich mehr Lohn als auf dem Landratsamt“, erklärte er einmal in „Mythos Ellenfeld“, dem Jubiläumsbuch zum 100. Geburtstag der Borussia, wo er auch über die nahezu abenteuerlich klingende Vertragsunterzeichung bei der Borussia erzählt: Die Urform seines Spielerkonktraktes habe er während seiner Beamten-Dienstzeit in einer Ottweiler Kneipe auf einem Bierdeckel unterzeichnet, auch der Erhalt des Handgeldes sei auf diese Art und Weise quittiert worden! Die Fußballzeit ließ ihn später sogar einmal zum Ehevermittler werden: Seine Ottweiler Sekretärin heiratete den Borussen-Mitspieler Gottfried Peter, der öfter mal ins Landratsamt zu Besuch gekommen war. „Ich war natürlich Trauzeuge“, so Rüdiger Gratz.

In der Bundesliga kam der Offensivspieler nur noch zu einem Einsatz: Im Müngersdorfer Stadion beim 1. FC Köln durfte Rüdiger Gratz 90 Minuten lang gegen den späteren Weltmeister Wolfgang Oberath und den 54er-Weltmeister Hans Schäfer ran. Ohne allerdings verhindern zu können, dass die Borussen, die beim amtierenden deutschen Meister nach 15 Minuten bereits 3:1 führten, am Ende doch noch knapp mit 3:4 unterlagen. „Paul Pidanet spielte dabei sozusagen Doppelpass mit seinem Chef, denn er war Inspektor-Anwärter unter  Rüdiger Gratz im Landratsamt Ottweiler“, weiß Wilfried Burr in „Mythos Ellenfeld“ zu berichten. „Das Spiel in Köln vor fast 30.000 Zuschauern war ganz sicher mein schönstes Fußballerlebnis“, erinnert er sich. Nach einem schweren Autounfall stieg er 1965 vorzeitig bei der Borussia aus und kehrte in die Heimat am Schaumberg zurück. Seinen Abstecher in die Bundesliga hat er nie bereut: „Dass diese Zeiten damals ganz andere in finanzieller und auch sportlicher Hinsicht waren als heute, brauche ich wohl nicht zu erzählen“, hat er einmal in einem Beitrag der „Saarbrücker Zeitung“ (SZ) gesagt.

Beim VfB in Theley machte er dann nach einjähriger Pause wieder durch starke Leistungen auf sich aufmerksam, wurde unter einem seiner Lieblingstrainer, dem späteren Bundestrainer Jupp Derwall, zwöf Mal in die saarländische Verbandsauswahl berufen und nahm am DFB-Länderpokal teil. Mit den Theleyer Senioren wurde Rüdiger Gratz gleich viermal Saarlandmeister der Alten Herren (AH). Sein Club, der VfB Theley honorierte die Verdienste des Stürmers mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft. Darüber hinaus wurde Rüdiger Gratz in die Jahrhundertelf des VfB gewählt. Aber auch abseits des Fußballs hatte er nie Langeweile: Musizieren am eigenen Klavier, der Genuss klassischer Musik, viel lesen und selbst kulinarisch kochen gehörten und gehören zu den Freizeitbeschäftigungen des früheren Borussen-Stürmers.

Die ganze Borussen-Familie gratuliert Rüdiger Gratz ganz herzlich zum Ehrentag und wünscht für das nun beginnende neue Lebensjahrzehnt alles erdenklich Gute, vor allem Gesundheit: Ad multos annos, Rüdiger Gratz! (-jf-)

Ein paar Bilder aus dem Borussen-Archiv erinnern an die Zeit, in der Rüdiger Gratz das schwarz-weiße Ellenfeld-Trikot trug. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)