Aus der traditionsreichen Geschichte der Borussia / Heute vor 61 Jahren: Das 3:2 gegen Schalke 04 war ein großer Schritt Richtung Klassenerhalt für den Bundesliga-Aufsteiger aus dem Ellenfeld
Unser Bild: Schalkes Torhüter Gyula Toth als Turm in der Schlacht – hier schnappt er sich das Leder vor Borussen-Stürmer Günter Kuntz, während im Hintergrund die Dachkonstruktion der neuen Tribüne den Baufortschritt des Ellenfeld-Stadions dokumentiert. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen)
Max Klein war der Erste, der „vom Schalke des Südwestens“ sprach. Zur Genese dieses Begriffs trugen beim Autor des Buches „Höllenglut an Himmelfahrt“, das die Aufstiegsrunden zur Bundesliga in den Jahren 1964 bis 1973 zum Thema hat, verschiedene Faktoren bei. Neunkirchen: Berühmt für Kohle, Stahl und Eisenindustrie. Borussia: ein Fußballverein, dem es einst gelang, eine hohe Identifikation mit der Mannschaft zu schaffen. Unter dem Motto „Hoch lebe Eisen, hoch lebe Stahl, hoch lebe die Borussia“ hatten Fans aus fast alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schichten den Traditionsverein aus der kleinsten Bundesligastadt als Sympathieträger des saarländischen Fußballs unterstützt und waren im Stadion zu einer fördernden Einheit geworden. Ein Stadion, das als eines der ältesten Schauplätze des deutschen Fußballs gilt – seit mittlerweile fast 114 Jahren rollt dort der Ball. Keine Frage, in den 60ern entstand dort im Ellenfeld ein Mythos, der dem vom Gelsenkirchener Kultclub ähnlich war. In dieser Zeit trafen beide, die Königsblauen aus dem Ruhrpott und die Schwarz-Weißen aus dem Südwestens mehrmals aufeinander. Mit ziemlich ausgeglichener Bilanz: Schalke siegte vier Mal, die Borussen drei Mal. Einmal trennten sich beide Teams unentschieden. Eine ganz besonderes dramatische sportliche Begegnung lieferten sich beide Clubs heute vor genau 62 Jahren. Wir blicken zurück.
Die Ausgangssituation konnte an diesem 25. Spieltag fünf Runden vor Saisonende spannender nicht sein. Die Gäste aus Gelsenkirchen waren eine Woche vor der Reise ins Ellenfeld gegen Hannover 96 über ein 2:2 nicht hinausgekommen und trugen, punktgleich mit dem Karlsruher SC (beide 18:30 Zähler) die rote Laterne der Liga. Nur einen Punkt davor auf den Plätzen 14 und 13 die Neunkircher Borussen und die Berliner Hertha (beide 19:29). Wiederum nur einen Zähler weiter vorne Eintracht Braunschweig und der VfB Stuttgart (beide 20:28). Während die Borussen es in den letzten fünf Spielen noch mit drei direkten Konkurrenten (Karlsruhe, Hertha BSC und Stuttgart) zu tun haben sollten, waren die letzten Gegner der Schalker alle in der oberen Tabellenhälfte angesiedelt. Im Kampf um den Klassenerhalt kam es jetzt auf jeden Punkt an. „Verlieren verboten“ – so hieß das Motto, ganz besonders für die Gäste, die sich im Hinspiel in der Glückauf-Kampfbahn gegen den Aufsteiger aus dem Ellenfeld im November 1964 mit einem mageren 1:1 hatten begnügen müssen: Günter Kuntz´ frühe Führung für leidenschaftliche Borussen (4.) glich Nationalspieler Günter Hermann nach knapp einer Stunde aus (59.).

Guter Stimmung: Die Borussen-Fans in der „Baustelle“ Ellenfeld. (Oben / Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
Im Rückspiel im Ellenfeld, wo sich mit über 25.000 Fans im Bewusstsein der Bedeutung dieser Partie eine Rekordkulisse eingefunden hatte, war es genau umgekehrt. Hier schockten die Schalker mit ihrem 1:0 nach gerade einmal drei Minuten durch Stürmer Manfred Kreuz die Borussen. Da war es für die Fußballseele gut, dass Erwin Glod nahezu postwendend (8.) ausglich. Pech für Schalke: Bereits nach 35 Minuten ließ eine Zerrung im rechten Oberschenkel Offensivkraft Günter Hermann auf der Flügelposition nur noch humpelnd als Statist agieren. Recht ausgeglichen die Spielanteile vor dem Seitenwechsel: „Waren bis zur Pause die Gewichte trotz des günstigen Rückenwindes für Schalke noch gleichmäßig verteilt, so wurden nach dem Wechsel die Königsblauen zu einer Abwehrschlacht gezwungen, die sie fast mit einem blauen Auge überstanden hätten“, berichtet Kicker-Reporter Gerhard Reuther. Nach Wiederanpfiff rollte eine Neunkircher Angriffswelle nach der anderen auf das von Gyula Toth vorzüglich gehütete Tor. Schalkes Keeper wuchs über sich hinaus, „hatte schon in der 28. Minute mit zwei Glanzparaden einen Rückstand verhindert“ (Kicker). Ein Sonderlob vom Fachmagazin erhielt auch Willi Schulz für seine Schwerstarbeit: „Der Stopper hatte gegen den immer stärker aufdrehenden Heiden wachsam wie ein Schießhund zu sein, war die Seele des Widerstandes, beinhart, zwei elfmeterverdächtige Szenen heraufbeschwörend.“ Offensiv hatten die Gäste aus dem Ruhrpott lediglich den listigen Waldemar Gerhard in Position gebracht, der oft auf sich allein gestellt, auf Konterchancen wartete und eine davon nach 75 Minuten zum 2:2-Ausgleich nutzte.
Zuvor hatte Günter Kuntz Borussia mit 2:1 auf die Siegerstraße geschossen, Günter Heiden erlöste den um den Sieg bangenden Anhang kurz vor Schluss mit dem 3:2. Am unter dem Strich verdienten Erfolg der Borussen sei nicht zu zweifeln, so der „Kicker“ in seiner Detail-Analyse: „Neunkirchen war konditionsstärker, dynamischer, noch kampfstärker. Schröder raste über den ganzen Platz, Leist war souveräner Pol seiner Abwehr. Schreier schaltete sich immer wieder in die Angriffe ein. Von den Verteidigern ging diesmal größerer Druck als von den Seitenläufern aus, obwohl Melcher wieder seine lässige Eleganz betonte, wo immer er es konnte. Die Stoßkeile im Sturm waren May, der alle drei Ecken vor den Treffern hereingab, Heiden und Simmet, während Kuntz wegen einer Wadenprellung nicht auf volle Touren kam. Simmert zeigte sich erstaunlich kaltblütig, fast gerissen. Heiden hatte häufig den Siegtreffer im Visier, schmetterte den Ball einmal an die Latte, ehe er dann doch den 19. Eckball (!) punktebringend verwandelte.“

Knapp verpasst ist auch verpasst: Elmar May (Mitte) rutscht an einer Flanke vorbei, Schalkes Abwehrspieler Friedel Rausch (li.) kann dem Leder ebenfalls nur noch hinterher schauen. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
In der Pressekonferenz sprach Borussias Coach Horst Buhtz von einer „Zangengeburt“ und bescheinigte dem Gegner, „kämpferisch und spielerisch ein starker Gegner“ gewesen zu sein, den man im Abstiegskampf noch lange nicht abschreiben dürfe. Buhtz haderte mit der Chancenverwertung: „Wir brauchen immer noch zu viele Gelegenheiten, um zu Toren zu kommen!“ Obmann Kurt Gluding sprach von einem „guten Spiel“, das „ohne unser Schusspech glatter ausgegangen wäre. Aber gegen eine massierte Deckung, wie sie sich unter unserem Druck bei Schalke zwangsläufig ergab, tut man sich immer schwer.“ Auf Schalker Seite war Trainer Langner trotz allem mit seinen Jung „zufrieden: Sie haben gut gespielt, wacker gekämpft.“ Langner monierte, dass Torhüter Gyula Toth beim 2:1 regelwidrig behindert worden sei, „sonst wäre er an den Ball gekommen. Und beim 3:2 ruhte der Ball nicht, lag vor dem Eckkreis.“ Altmeister Fritz Szepan bilanzierte abgeklärt: „Wie glücklich wären wir über den einen angestrebten Punkt gewesen! Aber es muss weiter gehen. Wir wollen Optimisten bleiben. Noch sind ja fünf Spiele auszutragen.“
Zwei dieser fünf Partien konnten die Schalker gewinnen (1:0 gegen Bremen, 4:2 beim Hamburger SV), aber das war zu wenig, die drei Niederlagen (1:2 in Köln, 1:3 bei 1860 München und vor allem das bittere 1:2 zuhause gegen den Meidericher SV) ließen die Königsblauen bis zum Schluss auf dem letzten Platz, doch durch den Lizenzentzug von Hertha BSC und die Aufstockung der Liga auf 18 Clubs blieb S04 der Gang in die Regionalliga erspart. Die Borussen dagegen verloren von den verbleibenden fünf Spielen nur noch mit 1:2 beim direkten Konkurrenten Karlsruher SC, brachten bei Hertha BSC und Hannover 96 mit 1:1 jeweils einen Punkt mit ins Ellenfeld, wo man beim 4:0 gegen Eintracht Frankfurt einen „Sahnetag“ erwischte und auch zum Saisonfinale den VfB Stuttgart mit 3:1 schlagen konnte. Platz 10 am Ende ist bis heute die beste Platzierung eines saarländischen Clubs in der Bundesliga!

Knifflige Situation: Der bullige Günter Heiden wird im Strafraum vom Ball getrennt – elfmeterwürdig? Schiedsrichter Kurt Tschenscher aus Mannheim meint: Nein! (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
Interessant am Rande: Mit über 25.000 Zuschauern war die Kapazität des immer noch im Umbau befindlichen Ellenfeld-Stadions nahezu am Limit angekommen. Die aufgeständerte Spieser Kurve und Block 5 waren mittlerweile fertig, auch die neue Tribüne zu großen Teilen nutzbar. Lediglich das Dach fehlte noch: Hier spannten sich erste Stahlträger über die vielköpfige Zuschauermasse, die nach 90 hochspannenden Minuten ihre Mannschaft feiern durften!
Statistik: Borussia – FC Schalke 04 3:2 (1:1)
Borussia: Horst Kirsch – Erich Leist, Hans Schreier, Günter Schröder, Erwin Glod, Achim Melcher, Dieter Schock, Günter Heiden, Günter Kuntz, Elmar May, Heinz Simmet. – Trainer: Horst Buhtz.
Schalke 04:Gyula Toth – Uwe Kleina, Hans Nowak, Friedel Rausch, Willi Schulz, Heinz Crawatzo, Günter Herrmann, Günter Karnhof, Manfred Kreuz, Karl Heinz Bechmann, Wilfried Gerhard. – Trainer: Fritz Langner.
Tore:0:1 (3.) Manfred Kreuz, 1:1 (8.) Erwin Glod, 2:1 (70.) Günter Kuntz, 2:2 (78.) Wilfried Gerhard, 3:2 (88.) Günter Heiden. – Schiedsrichter: Kurt Tschenscher (Mannheim). – Zuschauer: 25.000.
Unsere (zum großen Teil bisher noch nicht veröffentlichten) Archivbilder lassen die Partie der Borussia vor 62 Jahren noch einmal lebendig werden. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)














