1:2 in Karlsruhe: Borussia belohnt sich nicht

Aus der Borussen-Historie / Heute vor 61 Jahren: Knappe Niederlage im Kampf um den Klassenerhalt in der Bundesliga bei einem direkten Konkurrenten / Für Coach Horst Buhtz bleibt die Auswärtsschwäche „rätselhaft“

Unser Bild: Gefallener Engel – Elmar May rutscht aus und verpasst in guter Schussposition das Leder. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

„Kämpfe von so entscheidender Bedeutung sind selten gut. In der ersten Spielhälfte gab es wenigstens noch vernünftige Züge, nach dem Seitenwechsel gab es nur noch Kampf, wobei der Ball kaum noch über zwei Züge wanderte. Die Verantwortung hing wie Blei auf den Spielern.“ Kicker-Redakteur Paul Schneider brachte es auf den Punkt, der an jenem 26. Spieltag der Bundesliga-Saison 1964/65, heute exakt vor 61 Jahren, die Partie zwischen dem Karlsruher SC und der Borussia im Wildpark-Stadion bestimmte. Wie ein Damokles-Schwert hing die Abstiegsgefahr über beiden Kontrahenten: Der KSC war nach dem 1:5-Desaster bei Borussia Dortmund auf den letzten Platz abgerutscht, hatte auch das Heimspiel zuvor gegen den amtierenden Meister 1. FC Köln mit 2:4 vergeigt. Ein Heimsieg gegen die Borussia war quasi Pflicht, wollte man im Badner Land das Fünkchen Hoffnung am Glimmen halten. Doch die Borussen hatten zuvor den Konkurrenten im Abstiegskampf, Schalke 04, mit 3:2 regelrecht niedergerungen und eine gute Portion Selbstvertrauen getankt. Andereseits: Auf fremden Plätzen „fremdelten“ Günter Kuntz, Elmar May & Co, hatten in bislang 13 Auswärtsspielen erst ein einziges Mal (am 19. Spieltag mit 2:1 beim Hamburger SV) gewinnen können.

Dabei sollte es auch im Wildpark bleiben. Allerdings siegte laut „Kicker“ nach 90 Minuten, in denen die starken Defensivreihen dem Spiel ihren Stempel aufdrückten, „die bessere, sondern die glücklichere Mannschaft.“ Denn schon nach zwei Minute verpasste Günter Kuntz nach einer Flanke von Heiden in guter Position die Gäste-Führung. Auch Achim Melchers Vorstoß via Slalom durch die gesamte Karlsruher Abwehr brachte lediglich einen Eckball ein. Und nach einer guten Viertelstunde war KSC-Torwart Paul aufmerksam genug, um sich nach einem Freistoß von Schock den Ball im letzten Moment vor dem einschussbereiten Kuntz zu schnappen. Die Offensivbemühungen des KSC endeten bis dahin meist an der Strafraumgrenze. So dauerte es bis zur 26. Minute, ehe die 28.000 Zuschauer das erste Tor zu sehen bekamen: Der nach Günter Schröders Foul an Lampardt fälligen Freistoß landete über Marx bei Peter Jendrosch, der das Leder in die ungedeckte Torecke zirkelte. Nachdem Elmar May in drei guten Szenen an Manfred Paul gescheitert war, sorgte Madl mit einem 16-Meter-Schuss für das 2:0 – eine Vorentscheidung? Nein, denn „Sekunden vor dem Pausenpfiff nutzte May einen Fehler von Saida mit einem Pass zum völlig freistehenden Heiden, der den wichtigen Anschlusstreffer erzielte“ (Kicker).

Günter Heiden (oben beim wuchtigen Schuss) und Heinz Simmet (unten gegen KSC-Abwehrrecke Josef Marx) kurbelen in der Schlussphase die Offensive der Borussia an, ein 2:2 gelingt dennoch nicht mehr. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Für die „Saarbrücker Zeitung“ (SZ) schien dieser Treffer zu diesem Zeitpunkt „psychologisch sehr wertvoll zu sein. Doch es schien nur so. Nach dem Wiederanpfiff startete der KSC einige Angriffe, verblasste dann aber mehr und mehr. Schreier musste zwar noch einmal das Leder von der Torlinie köpfen, dann aber bestimmte Borussia bis zur 90. Minute das Spiel.“ Große Aufregung nach 57 Minuten: Karlsruher Außenläufer Josef Marx hatte einen hohen Ball knapp vor der Strafraumgrenze in bester Torhütermanier mit beiden Händen aus der Luft abgefangen, Schiedsrichter Gerhard Schulenburg deutete unmissverständlich auf die Elfmetermarke – „erst nach stürmischer Intervention der KSC-Mannschaft und des Linienrichters revidierte er seine Entscheidung“ (SZ).Dennoch war diese Szene für die Borussen das Signal zu einer Drangperiode: Ein Remis (Kicker: „Es wäre verdient gewesen!“) hätte den Gegner zumindest auf Distanz gehalten. „Wo aber waren die Schussstiefel der Borussen?“, fragte sich der Berichterstatter der SZ, der beim Karlsruher Anhang jetzt ein „Stöhnen und Zittern“ beobachten konnte und den Jungs aus dem Ellenfeld zwar „einen Schönheitspreis“ zusprach, aber um die Feststellung nicht herumkam, dass sie in den vielen kritischen Situationen, die jetzt vor KSC-Keeper Paul entstanden, „im entschlossenen Ausnutzen von Tormöglichkeiten die Bundesligareife vermissen“ ließen. Zwar wackelte die KSC-Abwehr bedenklich, aber am Ende blieb es beim 2:1, das für Karlsruhe einen Hoffnungsschimmer, für die Borussen, die auf einen Befreiungsschlag im Abstiegskampf gehofft hatten, einen Dämpfer bedeutete.

So jubelt am Ende der KSC (oben): „Das es ein glücklicher Sieg war, wissen wir selbst“, war Karlsruhes Coach Helmut Schneder ehrlich genug zuzugeben. Günter Heiden hat das 2:2 auf dem Fuß, rutscht aber knapp am Ball vorbei (unten). (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

„Wichtig sind allein die Punkte“, konstatierte ein realistischer KSC-Trainer Helmut Schneider, der mitten in der Saison Kurt Sommerlatt abgelöst hatte. Schneider gab zu, „dass wir dem Publikum spielerisch wenig Freude bereitet haben“, wobei man aber die vielen Verletzten berücksichtigen müsse: „Die dauernden Ausfälle haben sicher nicht dazu gedient, die Moral zu stärken.“ Der Karlsruher Trainer bemängelte, dass seine Mannschaft vor der Pause leichtfertig dem Gegner den Anschlusstreffer geschenkt und in der Phase nach Wiederanpfiff klare Möglichkeiten zum 3:1 nicht genutzt habe: „Damit hätten wir uns das Zittern am Schluss ersparen können. Unter dem Strich sei man „einfach nur froh, gewonnen zu haben.“ Für sein Gegenüber Horst Buhtz (SZ: „In Karlsruhe immer noch sehr beliebt!“) war die Partie im Wildpark ein Wiedersehen mit einer früheren Station als Spieler, hatte er doch zu Beginn der 50er-Jahre zwei Spielzeiten das Trikot des VfB Mühlburg getragen hatte. Der VfB war 1952 durch die Fusion mit dem FC Phönix Karlsruhe im Karlsruher Sportclub aufgegangen. Nach der Niederlage blieb der Borussen-Coach ruhig und gelassen, „so wie er auch als Spieler in Erinnerung ist“ (SZ). Nach seiner Auffassung sei der KSC-Sieg deshalb verdient, „weil wir in unserer Drangperiode die Chancen nicht verwerten konnten.“ Die erste Halbzeit habe seine Mannschaft verschlafen, nach der Pause zwar die bessere Kondition bewiesen, aber unter dem Strich dennoch nichts erreicht. Hervorheben aus seiner Truppe wollte Horst Buhtz ganz bewusst „keinen“, rätselhaft erschien es ich weiterhin, „warum wir auf fremden Plätzen um die Hälfte schwäche spielen als zuhause im Ellenfeld.“

Das für beide Clubs glückliche Saisonende ist bekannt: Borussia landete auf Rang 10, Hertha BSC wurde wegen Lizenzverstößen aus der Bundesliga verbannt, die Liga auf 18 Vereine aufgestockt, was den tabellarischen Absteigern Schalke und dem KSC den Gang in die Regionalliga ersparte. (-jf-)

Statistik: Karlsruher SC – Borussia 2:1 (2:1)

KSC: Manfred Paul – Peter Koßmann, Willi Rihm, Horst Saida, Josef Marx, Horst-Dieter Berking, Klaus-Peter Jendrosch, Hans-Peter Lampardt, Hartmann Madl. Ernst Röhrig, Horst Wild. – Trainer: Kurt Sommerlatt.

Borussia: Horst Kirsch – Erich Leist, Hennes Schreier, Günter Schröder, Erwin Glod, Achim Melcher, Dieter Schock, Günter Heiden, Günter Kuntz, Heinz Simmet, Elmar May. – Trainer: Horst Buhtz.

Tore: 1:0 (20.) Klaus-Peter Jendrosch, 2:0 (40.) Hartmann Madl, 2:1 (45.) Günter Heiden. – Schiedsrichter: Gerhard Schulenburg (Hamburg). – Zuschauer: 28.000 im Wildpark-Stadion.

Untenstehende (zum Teil noch nicht veröffentlichte) Fotos aus dem Borussen-Archiv lassen die Partie im Karlsruher Wildpark noch einmal aufleben. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)