Eigentlich hätte Schiedsrichter Michael Braun am heutigen Sonntag um 14.30 Uhr in der Ferraro-Sportarena das Vorbereitungsspiel der Borussia gegen die Sportfreunde Saarbrücken anpfeifen sollen. Doch daraus wird nichts: Die Gäste mussten die Partie leider personalbedingt absagen. Trainer Kevin Lüder muss also bis zum kommenden Donnerstag warten, ehe seine neu formierte Mannschaft sich unter Wettbewerbsbedingungen weiter einspielen kann. Dann wartet ein echter Härtetest auf die Borussen, wenn Verbandligist FSG Schiffweiler-Landsweiler ins Ellenfeld kommt. Anstoß am Donnerstagabend ist um 19.00 Uhr in der Ferraro-Sportarena.
Schade, schade! Nach den beiden 8:1-Siegen gegen Jägersfreude und Hühnerfeld hatten sich Kevin Lüder & Co auf die Begegnung gegen die Sportfreunde gefreut. Auch aus historischer Sicht wäre eine solche Partie sehr reizvoll gewesen, wäre damit doch erstmals nach ganz langer Zeit ein echtes Traditionsduell neu aufgelebt. Schließlich gehörten beide Clubs in den 50er- und 60er-Jahren zu den Top-Vereinen im Saarland! Doch das wissen nur noch die älteren unter denen, die zu den Anhängern beider Clubs zählen. Deshalb werfen wir trotz des Spielausfalls einen kleinen Blick in die Geschichtsbücher – in eine Zeit, in der die „Hiddeklowen“ Malstatt und Borussia noch so manches Mal piesackten …
Im Westen der Landeshauptstadt liegend wurden die Fußballabteilung der Sportfreunde im gleichen Jahr gegründet wie die Borussia (1905). Hervorgegangen war diese Abteilung allerdings aus einem wesentlich älteren Verein, dem 1876 ins Leben gerufenen Turnverein Burbach. In der Publikumsgunst lagen die Sportfreunde immer ein Stück hinter dem großen Rivalen FCS, den man oft auch einer gewissen Hochnäsigkeit beschuldigte. Der blieb wiederum die Antwort nicht schuldig und verpasste dem aufmüpfigen Konkurrenten einen Schimpfnamen: „Weil Burbach traditioneller Standort der saarländischen Hüttenindustrie war, nannte man seine Fußballer fortan `Hiddeklowe´ (Hüttenkloben)“, weiß Werner Skrentny in seinem Buch „Teufelsangst vorm Betzenberg“ zu berichten, in dem er den Sportfreunden ein eigenes Kapitel widmet.

Etablierte nach dem Aufstieg 1956 die Saarbrücker Sportfreunde in der Oberliga Südwest (damals erste Liga!) und wechselte 1963 ins Ellenfeld, wo er die Borussia 1964 zum Regionalligatitel und anschließend in der Aufstiegsrunde in die Bundesliga führte: Trainer Horst Buhtz, auch bei SR-Reporter Werner Zimmer (re.) stets ein gefragter Interviewpartner. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V./Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
Ein Spiel, das man im 1924 erbauten und 1997 renovierten Stadion in den Saarwiesen, das derzeit 4.200 Zuschauern (darunter 250 auf der überdachten Tribüne) Platz bietet nicht vergisst: In der Saison 1960/61 wurde der große 1. FCS in der eigenen Heimstatt im Ludwigspark von den Sportfreunden gleich mit 6:0 gedemütigt. 16.000 Zuschauer waren Zeuge dieses Spektakels, Jupp Christ traf zweimal ins Schwarze, Hansi Spengler, Jürgen Massion und Dieter Kahl steuerten die weiteren Tore bei. Torhüter bei den überglücklichen Burbachern war Horst Zingraf, später auch Schlussmann und Trainer des FCS. Auf der Bank saß ein gewisser Horst Kirsch aus Merchweiler, der ein paar Jahre danach mit der Borussia in die Bundesliga aufsteigen sollte. Um Torjäger Christ bemühte sich anschließend zum Saisonende der VfB Stuttgart mit Erfolg. Und als die letzte Spielzeit der alten Oberliga (damals erste Liga) startete, war aus dem Westerwald-Dorf Eitorf in Stürmer namens Johannes Löhr in die Saarwiesen gekommen, der gleich im ersten Spiel beim 7:2 in Niederlahnstein mit drei Treffern klar machte, welchen Goldfisch die Sportfreunde sich da geangelt hatten. Nach 7 Spieltagen hatten Löhr & Co. ungeschlagen mit 12:2 Punkten die Tabellenspitze erklommen und dabei sowohl die Malstatter als auch die Borussen hinter sich gelassen! Das war auch Horst Buhtz nicht entgangen: Der erfolgreiche Italien-Legionär hatte als Trainer bei den Rot-Weißen angeheuert – auch er wenig später (ab 1963) ein Garant für den Bundesliga-Aufstieg im Ellenfeld. Man sieht: Borussia und Sportfreunde sind durch mehr verbunden als das gleiche Gründungsjahr!
16 Begegnungen gab es zwischen 1954 und 1964 zwischen Borussen und Sportfreunden, die nach saarländischen Pokalsiegen 1949 und 1951 auch zweimal (1954 und 1956) Meister der 2. Liga Südwest geworden und in die Oberliga aufgestiegen waren. Borussia feierte dabei 12 Siege, darunter ein 11:0 im Ellenfeld in der Meistersaison 1961/62. Zweimal trennten sich beide Mannschaften schiedlich-friedlich unentschieden, aber zweimal lehrten die Burbacher ihre Gäste aus dem Ellenfeld auch das Fürchten: Gleich mit 5:0 fegten die Sportfreunde den amtieren Pokalvizemeister und späteren Vizemeister der Oberliga in der Spielzeit 1959/60 vor 5.000 Fans aus dem Stadion, 1963 kassierten die Borussen in Saarbrücken eine 0:1-Niederlage! Für eine Qualifikation zur neu geschaffenen Bundesliga reichte es für die Sportfreunde trotz respektabler Platzierungen (ein 5. Platz und zwei 6. Plätze vor renommierten Teams wie Wormatia Worms, TuS Neuendorf, Mainz 05 oder Eintracht Trier!) nicht, man musste mit der zweitklassigen Regionalliga Vorlieb nehmen. 1965 schließlich zogen sich die „Hiddeklowen“ finanzbedingt aus der Regionalliga zurück – immerhin spielten die Aktiven die Saison ohne Bezüge zu Ende. Bis 1975 blieb die drittklassige Amateurliga Saar die Heimat der Rot-Weißen, in die sie danach nur noch einmal (1987/88) zurückkehrten. Nach diversen Abstiegen heißt der Alltag heute Bezirksliga Köllertal/Warndt.

Trainer Carlos Corvolan (oben li.) will mit dieser Truppe (oben Mitte) die Klasse halten. Sein Nachfolger im Sommer kommt aus Köllerbach und heißt Rudi Rau (oben re./Fotos oben: fupa.net/facebook-Seite Sportfreunde Saarbrücken). In der Saison 2002/03 trug Juan Carlos Corvolan (unten li., Nr. 8) das Regionalliga-Aufsteigers Borussia und durfte in dieser Szene gemeinsam mit Gazwan Avakthi (unten re., Nr. 11) beim 4:1-Derbysieg gegen die SV Elversberg den zweifachen Torschützen Ralph Flausse vor Freude fast erdrücken (Foto unten: Mythos Ellenfeld – Jubiläumsbuch 100 Jahre Borussia, S. 144).

Diese Klasse will man auch halten, ehe sich Juan Carlos Corvolan verabschiedet. Der 55jährige Coach, auch gerne „Altmeister“ genannt, hat eine Borussen-Vergangenheit, absolvierte in der Regionalliga-Saison 2002/03 28 Partien im Trikot der Borussia und war davor auch für Saarbrücken und Elversberg höherklassig unterwegs. Für ihn wäre die Partie im Ellenfeld eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte gewesen. Am Ende der Saison werden sich die Wege des Argentiniers und der Sportfreunde trennen: Eine Vertragsverlängerung kam nicht zustande. Ab Sommer übernimmt Rudi Rau, der aus Köllerbach kommt, und sein Trainerteam um seinen Bruder Jörg Rau und Ruggero Monteleone erweitert, wie die Sportfreunde auf ihrer Website meldeten. Zwei Testspiele gingen bislang im Rahmen der Wintervorbereitung verloren (0:6 gegen den Landesligisten TuS Eschringen, 0:4 gegen Alsweiler), was aber nicht verwundern muss, gab es doch im Kader eine recht große personelle Fluktuation.
Borussia gegen Sportfreunde Saarbrücken: Ein altes Traditionsduell hätte heute nach ganz langer Pause eine Neuauflage erfahren. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben – vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit, die für diesmal abgesagte Partie nachzuholen. Bis dahin sportliche Grüße in die Landeshauptstadt nach Burbach und viel Glück und Erfolg für den Rest der Runde – möge es den Sportfreunden gelingen, die sportlichen Ziele zu realisieren! (-jf-)