Paul Georg (Foto: Thomas Burgardt) weilt nicht mehr unter uns. Mit ihm hat ein Ur-Borusse, seit 66 Jahren Vereinsmitglied und treuer Anhänger, im Alter von 77 Jahren am 2. Februar die Bühne dieser Welt verlassen. Borussia trauert um einen engagierten Mann, der sich gemeinsam mit seiner Frau Rita in verschiedenen Projekten nicht nur für seinen geliebten Club (u. a. Jugendtrainer, Pressesprecher), sondern auch für seine Heimatstadt Neunkirchen engagierte. Auch als Versicherungskaufmann war Paul Georg bis zum Schluss noch sehr gefragt. Zwar war er zuletzt auch häufig bei den Spielen des Nachbarn SV Elversberg anzutreffen, „doch das Funkeln in den Augen, das kommt, wenn er von der Borussia spricht“, konnte Podcaster Nicky Kassner anlässlich eines Gesprächs für eine Folge des „Ellenfeld-Recorders“ feststellen. „Seit einem halben Jahrhundert sind beide ein Rückhalt für viele Menschen, geben Sicherheit und Lebensfreude. Sie sind sich selbst treu geblieben, nicht von gestern, trotz Digitalisierung menschlich und nicht dem Fortschritt um jeden Preis hörig. Sie sind für uns `Neinkeijer´ Indentifikatoren“, hat Borussias Stadionspezialist Professor Dr. Jens Kelm einmal in einem Beitrag über Paul Georg und seine Gattin geschrieben – besser kann man es nicht formulieren!
Geboren wurde Paul Georg hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt im Nachkriegsoktober 1948 in einer Zeit, in der das Herz der Stadt Neunkirchen noch im Takt von Grube und Hütte schlug. Die Erinnerungen an Menschenmassen, die aus allen Himmelsrichtungen gen Ellenfeld strebten, und eine dauerbimmelnde Straßenbahn waren Paul Georg aus seiner Jugendzeit stets in Erinnerung geblieben. Ab 1. September 1960 durfte der damals 11jährige dann auch selbst als D-Jugendliche dem runden Leder hinterherjagen – im Borussen-Trikot, das zuvor auch sein Vater in der Saar-Pfalz-Liga und Gauliga Südwest bis kurz nach dem Krieg getragen hatte, ehe ihn ein Arbeitsunfall zum Invaliden machte. Der Vater war es, der in ihm das Borussen-Feuer entfachte. „So konnte ich bereits als kleiner Knirps alle 14 Tage, damals immer an Sonntagen, unsere Borussia gegen den 1. FC Kaiserslautern, den FK Pirmasens, Wormatia Worms oder Eintracht Trier gewinnen sehen – meistens jedenfalls! Ich war immer regelrecht heiß darauf, mit Papa ins Ellenfeld gehen zu dürfen, damals immer zu Fuß von der Friedrich-Ebert-Straße, am Bahnhof gelegen, bis zum Stadion: Drei Kilometer Fußmarsch, bei allem Wind und Wetter. Da war vor den Spielen mächtig was los. Wir mussten den berüchtigten Hüttenberg hinauf gehen, für meinen beinamputierten Vater eine enorme Strapaze. Aber was tut man nicht alles für die Borussia! Die Menschen waren ja auch durch fünf Jahre Krieg und die damit verbundenen Entbehrungen noch nicht so verwöhnt wie heute. Im Ellenfeld angekommen haben wir dann auf der alten Tribüne mit ihren Holzbänken, Vorläufer der heutigen Haupttribüne, Platz genommen, immer auf demselben Platz, auf dem mein Vater wegen seiner Beinamputation saß“, erinnerte sich Paul Georg in einem Interview nicht ohne eine Portion Wehmut an eine Zeit, die so unendlich weit weg scheint.
Als Juniorenspieler trainierte der fleißige Fußballer unter Borussias erstem Nationalspieler, Kurt Welsch, erlebte den legendären Platzwart Felix Marx, der, wie er schnell feststellen konnte, der Jugend auch mit Emotionen zugewandt war, und spielte auf der noch gepflasterten Straße mit einem Gummiball, denn „für die `Ätsch´, sprich einen richtigen Lederball, haben wir kein Geld gehabt.“ Dafür hatte die Mutter den kleinen Borussen mit einer selbst genähten Fahne ausgestattet, mit der stolz ins Ellenfeld marschierte.
Als die Borussia 1964 in die Bundesliga aufstieg, war er nahezu täglich im Ellenfeld, um zu sehen, wie die Bagger anrollten und das alte verträumte Stadion in eine mächtige und stimmungsvolle Arena verwandelten. Kein einziges Heimspiel versäumte Paul Georg und war begeistert, wie sich seine Mannschaft im Reigen von Vereinen schlug, die bis heute noch im deutschen, europäischen, ja Welt-Fußball Rang und Namen haben, wie zum Beispiel Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04 oder dem Hamburger SV. Ein Abrutschen der Borussia bis in die 6. Liga schien Paul Georg schier unvorstellbar und tat ihm als eingefleischtem Borussen schon richtig weh – „erst recht, wenn man bedenkt, dass bei Einführung der Bundesliga unsere damalige erste Amateurmannschaft drittklassig und die dritte Mannschaft der Borussia in eben dieser Sechstklassigkeit unterwegs war“, sagte er einmal in einem Interview. Der schleichende Abstieg des Vereins war jedoch für Paul Georg auch ein Symbol für den Niedergang der Stadt: „Marode Infrastruktur, Grube zu, Hütte weg, Schlossbrauerei geschlossen, Zulieferer-Betriebe weg – alles Sponsoren der Borussia und Arbeitgeber für die Spieler.“
Begonnen hat das in den Augen Paul Georgs schon in den 80er- und 90er-Jahren. Der verpasste Aufstieg in die 2. Liga 1991 bedeutete für ihn einen „Knackpunkt“: „Danach ging es bergab.“ Was den umtriebigen Borussen allerdings nicht daran hinderte, ja sogar eher dazu motivierte, sich zu engagieren: Paul Georg fungierte als Pressesprecher der Borussia, schrieb Beiträge im Jubiläumsbuch zum 90jährigen Vereinsbestehen und 100jährigen Bestehen des Ellenfeld-Stadions und war im Ellenfeld-Verein für Kulturgeschichte des Fußballsports in der Saargegend als Gründungs- und Vorstandsmitglied tätig. Bis zuletzt beriet er den Verein in versicherungsrechtlichen Angelegenheiten. Doch damit nicht genug: „Paul Georg wurde zum Pionier des organisierten Betriebssports. Der Aufbau einer Betriebssportmannschaft (SV Versichrungen Georg) innerhalb der Agentur, die Gründung des Saarländischen Betriebssportverbandes, Engagement im Europäischen Betriebssportverband, die Ausrichtung der ersten Deutschen Fußball-Betriebssportmeisterschaft in Neunkirchen und unzählige weitere Veranstaltungen zeugen von der gesellschaftlichen integrierenden Kraft und der Verbundenheit Paul Georgs zu Neunkirchen und unserer Heimat, dem Saarland“, zieht Dr. Jens Kelm ganz tief den Hut vor der Lebensleistung des Verstorbenen weit über die Borussia hinaus.
Borussia trauert um einen ganz besonderen Menschen mit Qualitäten, die heutzutage eher rar geworden sind: Einer, der täglich vorlebte, was Ehrenamt bedeutet. Einer, der stets vorangegangen ist, andere mitnehmen, überzeugen, begeistern konnte. Einer, der wusste, wie man Menschen zusammenbringt, um aus Kleinem etwas Großes aufzubauen. Einer, der fesselnd, kenntnisreich und leidenschaftlich von den goldenen Zeiten der Borussia zu erzählen wusste – mit einem besonderen Gespür für Anekdoten. So hat es der „Ellenfeld-Verein e.V.“ in seinem Nachruf zusammengefasst. Dem ist nicht hinzuzufügen. Der Familie sei in dieser schweren Zeit viel Kraft und Zuversicht gewünscht. Dir, lieber Paul, ganz herzlichen Dank für alles: Unterstütze Deine Borussia hinter dem Horizont weiter und ruhe in Frieden! (-jf-)

Im Podcast des Ellenfeldrecorders (mit Nicky Kassner) kann man die lebendige Stimme von Paul Georg noch einmal aus den alten Zeiten der Borussia erzählen hören: