Keine Tore gegen Braunschweig

Aus der traditionsreichen Geschichte der Borussia / Heute vor 61 Jahren: Beim torlosen Remis verpassten die Borussen den sechsten Bundesliga-Heimsieg, hatten aber in der zweiten Halbzeit auch Glück / Auch im Hinspiel (0:1) war Borussia kein Treffer gelungen

Unser Bild: Begrüßung der beiden Kapitäne – Hennes Schreier für Borussia, Torwart Hans Jäcker für die Eintracht, in der Mitte Schiedsrichter Johannes Malka aus Herten. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Mit viel Vorfreude und Spannung waren rund 20.000 Zuschauer am 30. Januar 1965 ins Ellenfeld gekommen. Denn ihre Borussen hatten zu Beginn der Rückrunde in den beiden Heimspielen zuvor sowohl dem amtierenden deutschen Meister 1. FC Köln als auch dem damaligen Rekordmeister 1. FC Nürnberg mit 1:1 einen Punkt abgeknöpft und zudem beim Hamburger SV mit 2:1 den ersten Auswärtssieg eingefahren. Mit 17 Punkten war der Anschluss ans Mittelfeld geschafft. Die Gäste aus Niedersachsen dagegen waren nach nur einem Punkt aus vier Rückrundenpartien unten rein gerutscht, kamen mit der Hypothek einer 1:2-Heimniederlage gegen das ebenfalls stark gefährdete Schalke ins Saarland.

Das Hinspiel Mitte September 1964 alten Eintracht-Stadion hatten die Aufsteiger-Borussen vor 19.000 Fans nach einsatzreichem Kampf erst kurz vor Schluss durch einen Treffer des späteren Nationalstürmers Lothar Ulsaß denkbar knapp mit 0:1 verloren. Bemerkenswert: Da sich die Stürmer Volker Münz und Günter Heiden bereits früh verletzt hatten und damals noch nicht ausgewechselt werden konnten, hatte die Mannschaft von Trainer Horst Buhtz 75 Minuten lang nur neun gesunde Spieler auf dem Platz. Im Rückspiel sollte jetzt die Revanche her und mit einem Sieg weiter Boden gut gemacht werden im Kampf um den Bundesliga-Erhalt.

Imposante Bilder aus Braunschweig: Borussen-Keeper Willi Ertz stand im Hinspiel bei der 0:1-Niederlage immer wieder im Blickpunkt und hielt bis kurz vor Schluss seinen Kasten sauber (oben) …

… bis Lothar Ulsaß unter Ertz hindurch zehn Minuten vor dem Abpfiff zum 1:0 traf. Erich Leist, Achim Melcher und Günter Schröder (im Hintergrund v.l.) bleibt da nur das Zuschauen. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Die Partie bei Dauerregen und entsprechend schwerem Boden war von Anfang an geprägt von Sicherheitsdenken. Der „Kicker“ spricht von „gediegenen Abwehrleistungen“ und analysiert zwei verschiedene Halbzeiten: „Hatten es die Borussen vor dem Wechsel in der Hand, die Entscheidung zu erzwingen, so war Braunschweig vornehmlich in der letzten halben Stunde nahe daran, das Tor des Tages zu erzielen. Doch es kam beiderseits zu keinem Kernschuss gegen die kaum geprüften Torhüter.“ Die größte Gelegenheit für Borussia vergab Mittelstürmer Horst Berg, der nach 50 Minuten das Kunststück fertig brachte, völlig freistehend vor Hennes Jäcker das Leder am Tor vorbei zu jagen. Dabei hätte er den machtlosen Eintracht-Torwart eigentlich fragen können, in welche Ecke er den Ball haben wolle.

Diese ausgelassene Großchance war so eine Art Schlüsselszene der Partie. Denn wie der „Kicker“ berichtet, „war es fortan mit der Überlegenheit Neunkirchens dahin.“ Ein Mann hatte bis dahin dem Borussen-Spiel den Stempel aufgedrückt: Achim Melcher. Der Mittelfeldspieler, 1961 aus Bad Kreuznach ins Ellenfeld gekommen, wo er bis 1966 136 Spiele im Borussen-Trikot absolvierte, erwischte einen „Sahne-Tag“: „Ballkünstler und kluger Stratege in einem – mit jedem Ball wusste er etwas Gescheites anzufangen. Dass sich Pensum und Tempo nach dem Seitenwechsel bei ihm verringerten, war kein Wunder“, so „Kicker“-Beobachter Gerhard Reuther, der dem damals kurz vor seinem 30. Geburtstag stehenden Melcher bescheinigte, „womöglich sein bisher bestes Spiel geliefert“ zu haben. Doch Unterstützer hätten ihm an diesem Tag gefehlt: Auch Elmar May „vermochte nie so recht, den konsequenten Klaus Meyer abzuschütteln, der wie eine Klette an ihm klebte (…), während Günter Heiden bei aller Wucht nahezu stets an der Aufmerksamkeit des routinierten Peter Kaack scheiterte.“ Vor allem nach dem Seitenwechsel fehlte den Borussen Spielfluss und eine Prise Spritzigkeit, um Braunschweigs solider Deckung beizukommen.

„Kick it like Swayze“: Borussen-Stürmer Günter Heiden zeigt beim „dreckigen 0:0“ im Ellenfeld gemeinsam mit seinem Braunschweiger Kontrahenten, dass er etwas von „dirty dancing“ versteht. Ob die beiden einander allerdings so anziehend fanden, wie im Film Patrick Szwayze und Jennifer Grey? (oben). Gute Fangkünste beweist Braunschweigs Keeper und Kapitän Hans Jäcker (unten), genau beobachtet von seinem Defensivkollegen Walter Schmidt. (Fotos: Ellenfeld Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

So ging die Rechnung der Niedersachsen auf. Nachdem zunächst betont auf verstärkte Defensive gesetzt worden war, lösten sich die konditionsstarken Gäste zunehmend aus dem Druck der Borussen, forcierten das Tempo und „inszenierten gegen die gelockerte Deckung der Saarländer flinke Vorstöße. Schmidt wurde mit einem Male Motor im Mittelfeld, mit raschem Direktspiel brachte Ulsaß mal Krafzyk, mal Maas ins Treffen“, berichtet der „Kicker“. Krafczyk und Erich Maas hatten ihre ersten Bundesligaerfahrungen im Übrigen beim 1. FC Saarbrücken gesammelt, ehe sie 1964 nach Braunschweig gingen. Während Erich Maas 1967 mit der Eintracht sensationell deutscher Meister wurde, verpasste Krafzyk diesen Triumph durch seinen Wechsel 1966 zu Eintracht Frankfurt.

Als Schiedsrichter Rudibert Jacobi aus Heidelberg die Patie abpfiff, war Braunschweigs Coach Helmut Johannsen mit dem Punktgewinn zufrieden, „auch wenn es gegen Ende immer mehr nach einem Sieg für uns aussah. Aber dieser Erich Leist hat erstaunlich stark gespielt. Der erhoffte Punkt ist verdient. Neunkirchens Verbinder kamen auch deshalb nicht zum Zuge, weil wir sie nicht nach Belieben haben spielen lassen. Stark haben sich bei uns im Laufe des Spiels Lothar Ulsaß und Walter Schmidt gesteigert.“ Borussen-Trainer Horst Buhtz war mit dem Remis ebenfalls nicht unzufrieden („Schließlich hatte auch Braunschweig Chancen!“), glaubte aber: „Hätte Melcher mehr Unterstützung erfahren, wäre unser Spiel besser in Schwung gekommen.“ Buhtz gab aber den „schweren Boden“ du allgemein „die kraftraubenden Bundesligaspiele“ zu bedenken. Borussias Obmann Kurt Gluding sah die Eintracht „wie erwartet stark. Bis zur Pause konnte dennoch alles klar sein. Melcher war bei uns der überragende Mann.“ Stürmer Horst Berg kommentierte seine verpatzte Superchance zum 1:0 in stakkatoartig: „Ball an Ferse, Chance futsch, Sch…!“

Borussia spielte an jenem 30. Januar vor 61 Jahren mit Horst Kirsch, Erich Leist, Günter Schröder, Hennes Schreier, Erwin Glod, Dieter Harig, Achim Melcher, Dieter Schock, Horst Berg, Günter Heiden, Elmar May. Braunschweigs Trainer Helmut Johannsen vertraute folgender Mannschaft: Hennes Jäcker, Wolfgang Brase, Peter Kaack, Klaus Meyer, Jürgen Moll, Walter Schmidt, Lothar Ulsaß, Klaus Gerwien, Dieter Krafzyk, Erich Maas, Manfred Wuttich. Am Ende der Saison waren Eintracht und Borussia ebenso schiedlich-friedlich wie beim 0:0 im Ellenfeld Tabellennachbarn: Braunschweig auf Rang 9, die Aufsteiget aus Neunkirchen einen Zähler dahinter auf einem beachtlichen 10. Platz, so gut wie vorher und nachher kein saarländischer Bundesligist! (-jf-)