Ein letztes Mal?

Stimmung und Stimmungen in Wort und Bild nach dem 2:1-Sieg der Borussia gegen Rot Weiß Hasborn gestern Nachmittag

Geradezu bleiern legt sich die Dämmerung über das Ellenfeld-Stadion. Samstagnachmittag, 17.25 Uhr. Aus, aus, aus – das Spiel ist aus. Die Borussia hat verdientermaßen mit 2:1 gegen Rot Weiß Hasborn gesiegt (ausführlicher Spielbericht folgt). Schiedsrichterin Paula Mayer hat soeben zum letzten Mal in ihre Pfeife gepustet. Ein letztes Mal? So manch einem wird die Bedeutung dieser drei Worte erst jetzt bewusst: „Womöglich das letzte Spiel im Ellenfeld für lange Zeit?“ fragen sich die Fans in Block 5 und an der Imbissbude ebenso wie Borussias Stadionexperten Jens Kelm und Wolfgang Rausch, die am Vormittag nochmal eine Gästegruppe durch die altehrwürdige Arena geführt haben. „Womöglich das letzte Spiel im Borussen-Trikot?“ fragen sich die Männer unten auf dem Rasen. „Womöglich die letzten 90 Minuten in dieser tollen Stadion-Atmosphäre?“, fragt sich vielleicht auch manch einer im roten Trikot des SV Hasborn. Gegeben haben sie alles in dieser Partie. Dass sie unbedingt gewinnen wollten, hat man in jeder Aktion gespürt. Trotz aller Ungewissheit, wie es weiter geht: Die Moral ist intakt, jeder hat Charakter gezeigt, sein Herz auf dem Platz gelassen.

Zum letzten Mal – schon vor dem Einlaufen der beiden Mannschaften beschleicht einen dieses seltsame Gefühl. Das Steigerlied, die sonore Stimme von Stadionsprecher Michael Rosar, bis ins Altseiterstal hinein hörbar, das Borussen-Lied, die Platzwahl mit den beiden Kapitänen Christian Lensch und Marco Dahler sowie dem Schiedsrichterteam um Paula Mayer, der motivierende Teamkreis vor dem Anpfiff – ein letztes Mal? Jörg Backes jedenfalls schämt sich nicht für seine Emotionen. „Die Jungs haben aufopferungsvoll gekämpft. Das ist angesichts der Tatsache, dass wir im Moment alle regelrecht in der Luft hängen, umso bemerkenswerter. Keiner weiß ja genau, wie es weitergeht, ob es weitergeht“, beschreibt der Trainer mit feuchten Augen die Gefühlslage nach den 90 und ein paar mehr Minuten. Derweil wird die Mannschaft vom Anhang zurecht gefeiert, Nico Purket, Torschütze zum 1:0, hat seine Kameraden zu den treusten der Treuen dirigiert. Auch die haben alles gegeben, ihre Mannschaft lautstark angefeuert: „Borussia, Borussia! Vau-eff-bee! Vau-eff-bee“, im Wechselgesang mit der leider nur spärlich besetzten Tribüne – zum letzten Mal? Der Jubel-Kreisel, diesmal gedreht von Tim Braun – zum letzten Mal? Das wohlverdiente Siegerfoto gemeinsam mit den Fans – zum letzten Mal?

Craig Maikel Kunz mag sich das nicht vorstellen. Er ist seit 1985 Borusse, auch wenn er sich an sein erstes Spiel nicht mehr detailliert erinnern kann. 1994 begann sein Engagement im Ellenfeld: Im Stadionmagazin „Blick ins Ellenfeld“ stammt mancher Beitrag aus seiner Feder. Bis zu seinem berufs- und beziehungsbedingten Umzug in die Eifel nach Gerolstein (er arbeitet dort bei den Westeifel-Werkstätten) fehlte Craig Maikel Kunz bei keinem Heimspiel, war fast immer auch auswärts mit dabei. Selbst heute ist für ihn die nicht gerade unbeschwerliche Fahrt nach Neunkirchen, die nicht selten länger als 4 Stunden dauert, kein Hindernis, der Borussia treu zu bleiben. „Natürlich bin ich erschrocken von dem, was man so hört. Aber vieles ist noch Spekulation. Wir sollten abwarten, was passiert“, will er noch nicht den sprichwörtlichen Teufel an die Wand malen, auch wenn ihm bewusst ist, dass die Situation bitter ernst ist. Der Sieg gegen Hasborn ist da ein bisschen Balsam auf der Seele. Craig Maikel Kunz zeigt mit einem Grinsen auf seinen schwarz-weiß geringelten Pullover: „Der ist ein Glücksbringer! Wenn ich den trage, gewinnen wir!“ Auch zuletzt in Reisbach hatte er ihn an.

Völlig unklar ist, ob die Borussia im Zusammenhang mit der vor zwei Wochen aufgeploppten Glasfaser-Geschichte gezahlte Sponsorengelder zurückerstatten muss. „Darüber kann ich keine Auskunft geben. So weit ist der Fall noch nicht fortgeschritten beziehungsweise zu uns vorgedrungen“, hat Finanzvorstand Alena Nürnberger dem „Saarländischen Rundfunk“ (SR) zu Protokoll gegeben. Klar ist dagegen, dass die Firmen, die Gegenstand der derzeitigen Ermittlungen sind, ab Januar als Sponsoren wegfallen. Das bedeutet einen Riesenverlust. Wie es im neuen Jahr weitergeht? Diese Frage kann auch Alena Nürnberger dem „SR“ nicht beantworten. Derzeit wird in den Vereinsgremien um Lösungen gerungen. Anlässlich der Mitgliederversammlung am 18. Dezember werden die Borussen näheres erfahren.

Nach dem Spiel gegen Hasborn schaut sich Jörg Backes vor dem Gang in die Kabinen noch einmal um im weiten Rund des Ellenfelds. „Eines aber kann ich auf jeden Fall sagen: Wenn wir aus dieser Geschichte heil rauskommen, werden wir umso stärker zurückkommen“, sagt der Coach, der dem Verein trotz der komplizierten Lage die Treue gehalten hat, im Brustton der Überzeugung. Es klingt ein bisschen wie ein Versprechen. Toni Rohner, die langjährige „Stimme des Ellenfelds“, kommt hinzu, um zum Sieg zu gratulieren, und drückt die Hand des Trainers: „Danke!“ Nur ein Wort, doch damit ist alles gesagt. Und Jörg Backes hat spätestens jetzt Tränen in den Augen.

Mögen auch der trübe November-Himmel und die Schatten der Dämmerung inzwischen ins Ellenfeld hineinkriechen: Aufgeben gilt nicht. So steht es in großen Buchstaben auf der Innenseite der Bande in Borussias Auswechselbank. „Niemals aufgeben“ – das impliziert Zuversicht und Hoffnung auf ein Licht am Ende des Tunnels. Die Hoffnung ist eine große Kraft, kann Menschen beflügeln, verleiht Motivation, Energie, Durchhaltevermögen und Mut, muss aber auch realistisch bleiben, will sie nicht zur Täuschung werden. Genau mittendrin, zwischen Hoffnung und Realität, zwischen Zuversicht und bangem Blick auf das, was ist, kommen kann und kommen wird, steckt Borussia. Hoffen wir also gerade jetzt am beginnenden Advent, einer Zeit, die wie kaum eine andere die Hoffnung verkörpert, dass doch alles gut wird, dass das letzte Mal vor der Winterpause nicht das allerletzte Mal gewesen ist. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.  (-jf-)

Mit unseren Bildern haben wir ein paar Stimmungen rund um das Spiel gegen Rot Weiß Hasborn eingefangen. (Fotos: -jf-)