Fußball ohne Winterschlaf (1)

Aus der traditionsreichen Historie der Borussia: Im Januar 1965 nach einem 1:5 in Dortmund ein bärenstarkes Spiel gegen den amtierenden Meister 1. FC Köln und mit 2:1 in Hamburg der erste Auswärtssieg!

Unser Bild: Elmar May hieß der Mann des Tages gegen den 1. FC Köln. In dieser Szene ist Torwart Schumacher vor dem Borussen-Stürmer am Ball, rechts beobachtet Wolfgang Weber die Situation. (Foto: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen Ferdi Hartung)

Langsam erwacht der Fußball aus dem Winterschlaf. Zumindest im Profi-Bereich. Am kommenden Samstag startet die Bundesliga, eine Woche später 2. und 3. Liga in die Restrunde. Eine Winterpause gab es in früheren Jahren nicht. Als die Bundesliga noch in den Kinderschuhen steckte, bestritten der VfB Stuttgart und der 1. FC Nürnberg (1:1) bereits am Silvestertag 1964 (!) den Auftakt in die Rückrunde. Die Liga zählte noch 16 Vereine, die Anstoßzeit war in allen Spielen 15.00 Uhr, Spielerwechsel waren nicht erlaubt, feste Rückennummern noch nicht vergeben. Ein Sieg brachte lediglich zwei Punkte und höchstens zwei Ausländer pro Team waren erlaubt. Fakten wie aus einer anderen Welt!

Der 19. Dezember 1964 war der letzte Spieltag vor Weihnachten. Die Borussia hatte sich im Ellenfeld mit 1:1 vom 1. FC Nürnberg getrennt. Doch trainiert wurde anschließend weiter, Trainer Horst Buhtz bat seine Schützlinge sogar an Heiligabend auf den Platz! Der Winter präsentierte sich wie aus dem Bilderbuch, fast überall Schnee. Das erfreute die Kinder, erschwerte aber den Fußballbetrieb. So mussten Anfang Dezember die Borussen und die Herthaner aus Berlin beim 2:2 im Ellenfeld auf einer zentimeterhohen Schneedecke im Kampf um den Ball ihre Standfestigkeit beweisen.

Zum Jahreswechsel 1964/65 war angesichts des frühen Starts des Spielbetriebs kein Kicker bei seiner Familie. Die Mannschaften, die auswärts spielen mussten, saßen in Zügen, Bussen oder Hotels. Zu diesen Teams gehörte auch die Borussia, die am 2. Januar im Dortmunder Stadion „Rote Erde“ anzutreten hatte. Gastgeber Dortmund hatte seine Spieler am 31. Dezember schon ab Mittag in der Westfallenhalle kaserniert, „um allen Verlockungen am Jahresende aus dem Weg zu gehen“, wie das Fachblatt „Kicker“ mit süffisantem Unterton kommentierte. Zuvor war am 2. Weihnachtstag des Jahres 1964 war der Winter ins Ruhrgebiet gekommen, die Schneedecke am 30. Dezember 14 Zentimeter dick. Doch dann setzte Tauwetter ein, so dass die beiden Borussen-Teams am 2. Januar 1965 nicht auf schneebedecktem Rasen antreten mussten. Dafür war das Geläuf tief, und entsprechend schwer lief der Ball durch die Reihen. Vor 15.000 Fans im Stadion Rote Erde taten sich die favorisierten Gastgeber anfangs schwer gegen den Namensvetter aus dem Saarland. Erst nach einer halben Stunde gingen die Schwarz-Gelben durch Timo Konietzka wie erwartet in Führung. Nach dem Seitenwechsel gewann die Partie an Tempo. Die zweite Halbzeit, die unter Flutlicht ausgetragen werden musste, ließ schon mit dem Anstoß eine neue Einstellung erkennen“, hieß es im Spielbericht des kicker. Und weiter: „Endlich kamen die langen Pässe in den Rücken der gegnerischen Deckung und damit die große Zeit von Emmerich und Wosab, die vorher in ihrem eigenen Schatten standen.“

Bericht des „Kicker“ über das 1:5 der Neunkircher Borussen Duell gegen den Namensvetter aus Dortmund.

Nachdem Aki Schmidt auf 2:0 erhöht hatte, nutzte Horst Berg einen Aussetzer von BVB-Keeper Wessel, der den verletzten Nationaltorwart Hans Tilkowski ersetzte, zum Anschlusstreffer für den Aufsteiger aus dem Ellenfeld. Doch Reinhold Wosab (2) und erneut Timo Konietzka schraubten in einem starken Schlussspurt das Resultat auf 5:1. „Der Ball lief zeitweilig wie an der Schnur gezogen. Bei einem weniger guten Torwart als Kirsch hätten es mehr Treffer werden können. Aber bedenklich stimmt, dass die Dortmunder erst einen Vorsprung von mindestens zwei Toren benötigten, um Sicherheit auszustrahlen“, bilanzierte der „Kicker“, der es allerdings „bedenklich“ fand, „dass die Dortmunder erst einen Vorsprung von mindestens zwei Toren benötigten, um Sicherheit auszustrahlen.“

Auf die Borussen wartete nur eine Woche später eine wahre Herkulesaufgabe. Kein geringerer als der amtierende Meister und Tabellenführer 1. FC Köln machte im Ellenfeld seine Aufwartung. Zwar hatten die Borussen im Hinspiel bei der unglücklichen 3:4-Niederlage (nach 3:1-Führung) viel Selbstbewusstsein getankt und Sympathien eingeheimst, doch sollte eine solche Leistung gegen das Top-Team von Trainer Georg Knöpfle mit Stars wie Wolfgang Weber, Wolfgang Overath und den Torjägern Christian Müller und Karl-Heinz Thielen nochmal möglich sein?

Ausgleich durch Elmar May: Borussias Nummer 7 trifft unmittelbar vor der Pause per Flachschuss gegen den Torwart der Geißböcke, Anton Schumacher, zum 1:1 (oben) und lässt sich anschließend von Mannschaft und Fans gebührend feiern (unten). (Fotos: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen Ferdi Hartung)

Sie war es! „Die Saarländer kämpften wie die Löwen und hatten auch die entsprechende Kondition über 90 Minuten“, notiert die Website fussballdaten.de in ihrem Spielbericht. Die Borussen ließen sich auch durch die frühe Führung der Rheinländer nicht entmutigen. Nach 15 Minuten hatte Sturm Wolfgang Weber steil geschickt, der sich um Erich Leist herumdrehte und trocken einschoss. Vor und nach der Pause hatte Borussia ihre beste Phase. Günter Heiden und Erwin Glod scheiterten noch, aber Elmar May gelang auf Heidens Vorlage kurz vor dem Halbzeitpfiff von Schiedsrichter Franz Heumann der verdiente Ausgleich. Bis zur 60. Minute sah das Publikum eine reine Kölner Abwehrschlacht, in der die Borussen den favorisierten Gegner am Rande einer Niederlage hatten. Doch das Zielwasser war offensichtlich zu gering dosiert, so dass es am Ende beim Remis blieb. Den Aufwärtstrend konnte Borussia am Wochenende darauf bestätigen: Dank zweier früher Treffer von Elmar May (12. / 15.) schafften die Mannen von Horst Buhtz beim Hamburger SV ihren ersten Auswärtssieg! Schon im Hinspiel im Ellenfeld hatte man Uwe Seeler & Co mit 3:1 besiegt. Borussias Torjäger Elmar May hingegen hatte sicher nicht nur durch diesen Auftritt im Volksparkstadion die Hamburger sichtlich beeindruckt: Am Ende der Saison sollte er das Ellenfeld verlassen und beim HSV anheuern, allerdings mit wenig Fortune! (-jf-)

Teil 2 folgt!

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