Die drei Musketiere von Marpingen

Aus der traditionsreichen Neunkircher Fußballgeschichte: Wenn die Borussia am Samstag bei der SG Marpingen-Urexweiler zum Saarlandliga-Spiel antritt, werden Erinnerungen an glorreiche Zeiten wach, an denen drei Marpinger Jungs großen Anteil haben

Unser Bild: Von Hellas Marpingen mit Borussia in die große weite Fußballwelt (v.l.): Torjäger Rudi Dörrenbächer, Erich Leist und Erwin Glod. (Fotos: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)

Er war in Erinnerung geblieben! „Mensch, der Rudi“, strahlte Bundestrainer Sepp Herberger. Spontan löste sich der Weltmeistermacher von 1954 aus der Menschenmenge, die sich rings um den Sportplatz der Gemeinde Ashbourne anlässlich des Abschlusstrainings der Nationalmannschaft vor dem letzten WM-Gruppenspiel 1966 gegen Spanien versammelt hatte. Sechs Jahre zuvor hatte Borussias Mittelstürmer Rudi Dörrenbächer einmal an einem Lehrgang bei Herberger teilgenommen. Auch wenn es letztlich nicht zu einem Länderspiel gereicht hat: Der Vollstrecker vom Ellenfeld hatte offenbar Eindruck hinterlassen. Sportlich wie menschlich. Das gilt ebenso für Erich Leist und Erwin Glod. Allen gemeinsam: Aus der Bergmannsgemeinde Marpingen waren sie ins Ellenfeld gewechselt und über Jahre hinweg Garanten für die Erfolge der Borussia. Die Erinnerung an die Marpinger Fraktion im Borussen-Trikot wird wieder wach, wenn die Mannschaft von Christian Schübelin am kommenden Samstag um 14.30 Uhr im Alstalstadion (auf dem Kunstrasenplatz am Flugplatz) bei der Spielgemeinschaft Marpingen-Urexweiler, bestehend aus dem FC Hellas Marpingen 1919 und dem SV Urexweiler, zu Gast ist. Vor 60 Jahren, als die Borussia in glorreichen Zeiten, auch dank ihrer spielstarken Verstärkungen aus Marpingen in höheren Fußballsphären unterwegs war, schien es kaum vorstellbar, dass beide Clubs einmal in einem Ligaspiel aufeinander träfen.

Rudi Dörrenbächer (li.) in seinem Element: Beim Toreschießen, in dieser Szene unterstützt von seinen Stürmerkollegen Elmar May (re.) und Paul Pidancet (Nr. 9). (Foto: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)

Daran, dass die Schwarz-Weißen aus dem Ellenfeld damals zwischen 1958 und 1963 viermal Vizemeister und einmal Meister der Oberliga Südwest, damals erste Liga, waren, hatte Rudi Dörrenbächer einen ganz großen Anteil. Der Polizeibeamte aus Marpingen hatte sich 1957 der Borussia angeschlossen, den Neunkircher Spähern, heute Scouts genannt, war er aufgefallen, als er trotz zweier starker Gegenspieler in einer Partie drei von fünf Marpinger Toren erzielt hatte. An solche Bilanzen knüpfte der Vollblutstürmer, dessen Erfolgsbilanz „aus einer Mischung aus Kraft und Eleganz“ (so der Kicker 1966 in einem Porträt) bestand, im Ellenfeld nahtlos an. In der Saison 1961/62 war er in allen 30 Spielen dabei und schoss mit seinen 37 Treffern die Borussen zur Südwestmeisterschaft. 37 Einschläge – das bedeutete in dieser Spielzeit gleichzeitig deutschen Oberligarekord: Dörrenbächer ließ die Torjäger des Nordens, wie Uwe Seeler vom HSV, den Kieler Koll und St. Paulis „Oschi“ Osterhoff (jeweils 28 Tore) weit hinter sich. Auch Lothar Schämer von der Frankfurter Eintracht und 1860 Münchens Rudi Brunnenmeier (je 26), Karl-Heinz Thielen vom 1. FC Köln und Manfred Rummel (Schwarz-Weiß Essen, je 25) kamen an die Quote des Borussen nicht heran. Als einen „typischen Vollstrecker“ bezeichnete der damalige Kapitän Karl Ringel seinen Mannschaftskameraden, für Erich Leist war er schwer auszurechnen und „ein eigensinniger Spieler, aber im positiven Sinne. Wir und auch der Gegner wussten nie so genau, was er im nächsten Moment macht.“ Dass es am Ende nicht sogar noch mehr als 136 Tore in sechs Jahren Ellenfeld wurden, war einem tragischen Unfall geschuldet: An Ostern 1963 endete die Karriere des Marpinger Torjägers abrupt, als er beim Gastspiel in Frankenthal zwei Wochen nach seinem 30. Geburtstag bei einem Zweikampf mit VfR-Keeper Rößler unglücklich auf den harten Boden stürzte und anschließend sechs Wochen im Koma lag. Fußball gespielt hat Rudi Dörrenbächer danach nicht mehr, wurde nach erfolgreicher Rehabilitation zum Marathonläufer. Das Ellenfeld erlebte er nur noch beruflich, half als Polizeiobermeister den Verkehr regeln, wenn die Massen zu großen Spielen dorthin strömten. Dorthin, wo er selbst einmal über Jahre hinaus im Mittelpunkt des Jubels stand. Am 29. Juni hat Rudi Dörrenbächer 80jährig die Bühne des Lebens verlassen.

Uwe Seelers Angstgegner: Borussias Abwehr-As Erich Leist beim Synchronspringen im Kopfballduell mit dem Hamburger Nationalspieler (oben). Sportfoto des Jahres 1963 mit Erich Leist (li.) beim Fußball-Ballett. Mit ihm „tanzen“ sein Mannschaftskamerad Achim Melcher (Mitte) und Dortmunds Timo Konietzka. (Fotos: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)

„Gegen Eich Leist von Borussia Neunkirchen!“ So lautete die in mehreren Fachblättern dokumentierte Antwort von HSV-Legende Uwe Seeler auf die Frage, gegen wen er nur sehr ungern spiele. Kein Wunder, stand doch der kampfstarke Abwehrrecke der Borussia „uns Uwe“ hartnäckig auf den Füßen. „Nebbi“ wurde er auch genannt, und „wenn Nebbi hinten drin stand, konnte die Abwehr beruhigt sein. Vom Laufstil her unterschätzten viele Gegner den Marpinger Erich Leist. Er wirkte schwerfällig und war doch so wendig. Ihm entwischte kein Mittelstürmer, und war er auch noch so schnell“, erfährt man in einem Porträt in der „Saarbrücker Zeitung“ (SZ). Zehn Jahre lang trug Erich Leist, der beruflich als Kfz-Meister in Saarbrücken tätig war, das Borussen-Trikot, erst als Außenläufer alter Prägung, dann als Mittelläufer Er erlebte das Pokalfinale 1959 (in Kassel 2:5 gegen Schwarz-Weiß Essen) und den Bundesliga-Aufstieg 1964 mit, durfte Spiele in der Saarauswahl (u.a. gegen die holländische Nationalmannschaft) bestreiten, wurde 1962 in Saarbrücken beim Benefizspiel für die Angehörigen der Grubenopfer von Luisenthal je eine Halbzeit in der deutschen A- und B-Nationalmannschaft eingesetzt. Dem vorbildlichen Sportsmann wurde auch für lange Dauer die Kapitänsbinde der Borussen anvertraut. Den klassischen Libero gab es damals noch nicht, Erich Leist verstand sich „als Stopper oder Ausputzer“ und spielte nicht gegen den Mann. Den 5:2-Erfolg der Borussia in einem Vorbereitungsspiel gegen das mit allen Stars angetretene Ajax Amsterdam bezeichnete er als ein Highlight seiner Karriere. Noch lange blieb er seiner Heimatgemeinde mit Leib und Seele verbunden, spielte nach seiner Borussen-Zeit wieder beim FC Hellas, den er von 1968 bis 1971 auch als Trainer betreute. Neben seinem Engagement bei den „Alten Herren“ war er im Tennis aktiv. Bis zu seinem Lebensende am 13. August 2014 gingen per Post immer noch Autogrammwünsche ein. Darauf durfte der Sympathieträger der Borussia zurecht stolz sein!

Einem zünftigen Skat nie abgeneigt: Erwin Glod (li.) ging aus den Kartenspielen im Kirkeler Trainingslager mit Karl Ringel (Mitte) und Elmar May (re.) meist als Sieger hervor. (Foto: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)

Auch der Marpinger Erwin Glod stand als zuverlässiger und grundsolider linker Läufer im Borussen-Trikot seinen Mann, war darüber hinaus aber flexibel einsetzbar. „In Neunkirchen habe ich außer Torwart und Linksaußen alles gespielt“, erzählte er einmal. Der Grundstein für seinen sportlichen Weg wurde beim FC Hellas in bescheidenen Verhältnissen gelegt: „Nach einem Sieg haben wir zwei Würstchen und drei Bier als Anerkennung, Geld gab es keins.“ Erwin Golds Worte wirken heute wie aus einer völlig anderen Welt. Zu den Höhepunkten seiner Karriere zählen – neben dem legendären 2:0-Sieg beim FC Bayern München, ein entscheidender Schritt zum Bundesliga-Aufstieg 1964 – starke Spiele in der Intertoto-Runde im Sommer 1960 und die anschließende Russland-Reise mit der Borussia. Als am 14. August 1965 im Ellenfeld die dritte Bundesliga-Saison angepfiffen wurde und mit Aufsteiger Borussia Mönchengladbach eine Mannschaft zu Gast war, die die 70er-Jahre wie kaum ein anderer Club geprägt hat, erwischte es Erwin Glod knüppeldick: Meniskus und Kreuzband kaputt, Operation, sieben Monate Zwangspause. Anschließend wieder Knieprobleme. „Danach konnte ich gerade noch fünf Spiele in unserer zweiten Bundesligasaison absolvieren“, erinnerte sich Erwin Glod, der gesundheitlich leider nicht vom Glück gesegnet war. Das hinderte ihn aber nicht daran, als Kumpeltyp und Frohnatur für Stimmung und guten Teamgeist im Ellenfeld zu sorgen. Als leidenschaftlicher Skatspieler war Erwin Glod im Mannschaftskreis sehr gefragt. In Erinnerung war ihm bis zuletzt „dass wir vor den Bundesligaheimspielen im Trainingslager in Kirkel immer Skat gekloppt haben und das Elmar May dabei gegen ich nie einen Stich bekam.“ May soll damals gegenüber seinem Mitspieler gewitzelt haben: „Erwin, das Dach deines Hauses in Marpingen ist mit meinen Skatniederlagen gedeckt worden.“ Auch Erwin Glod ist nach der aktiven Spielerlaufbahn dem runden Leder treu geblieben. Der beruflich als Bergmann und Hüttearbeiter tätige Sportler trainierte den SV Bubach-Calmesweiler, den SC Alsweiler, den FC Gronig und den SV Remmesweiler. Nur wenige Monate nach seinem 67. Geburtstag musste sich Erwin Glod am 13. August 2003 trotz all seines Kampfesmutes einem stärkeren Gegner, schweren Krankheit geschlagen geben.

Rudi Dörrenbächer, Erich Leist und Erwin Glod – auch wenn die drei Marpinger Borussen nicht mehr unter uns weilen, so werden sie doch in den Herzen der Borussen und in der Ellenfeld-Historie einen festen Platz haben. Schließlich standen die drei unschlagbaren „Muskettiere“ in einer erfolgreichen Mannschaft, „in der damals alles stimmte“ (so der damalige Präsident Norbert Engel), stets für Kameradschaft, für Trainingsfleiß, für Zuverlässigkeit, für Vereinstreue und für Können. Ihr Anteil an großen Erfolgen der Borussia ist unbestritten. Und man darf sicher sein, dass sie das Gastspiel ihrer Borussia bei ihrem Heimatverein in Marpingen von dort oben, wo sie weiterleben, mit großem Interesse verfolgen werden! (-jf-)

6 Kommentare

  1. Dieser Bericht ist Erinnerung an die
    glorreiche Zeit der End50/60er Jahre, die
    ich miterlebt habe!
    Dem Autor ein kräftiges Hipp Hipp Hurra!
    Werner Bohr
    Frankfurt a.M.

  2. Danke lieber Jo für den mal wieder aussergewöhnlichen, tollen Bericht. Beim Lesen fühlt man sich um viele Jahrzehnte zurückversetzt, in eine Zeit als die Borussia noch den Saarfußball bestimmte. Man kommt ins Schwärmen und möchte daraus gar nicht mehr heraus kommen, aber die Realität ist halt heutzutage ganz anders. Nochmals Danke lieber Jo und ganz liebe Grüße aus BB.

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