Als Jay-Jay mit Karlsruhes Abwehr den Oko-Cha-Cha tanzte

Denkwürdiges Tor des Dribbelkünstlers feierte gestern 28jähriges Jubiläum / Im Interview mit dem „Kicker“ erinnert sich der Ex-Borusse an die weit über Deutschland hinaus Aufsehen erregende Szene

Vor-Rück-Oko-Cha-Cha, Rück-Vor, Oko-Cha-Cha: Unser Foto vom 4. Mai 1991 zeigt Jay-Jay Okocha im weißen Trikot im „heißen Tanz“ mit Eintracht Triers Abwehrspieler Jörg Marcinkowski, im Hintergrund beobachten Runald Ossen (links) und Torhüter Jürgen Roth die Szene. Borussia verlor im Moselstadion mit 0:1, gewann aber eine Woche später nach einem 3:2-Sieg im Ellenfeld den Meistertitel in der Oberliga Südwest. (Foto: -jf-)

Vor-Rück-Cha-Cha-Cha, Rück-Vor-Cha-Cha-Cha – das Tänzchen, zu dem Eintracht Frankfurts Stürmer Jay-Jay Okocha an jenem sommerlichen Dienstagabend Ende August 1993 auf dem grünen Rasen des altehrwürdigen Waldstadions die Karlsruher Abwehrrecken Burkhard Reich, Slaven Bilic und Lars Schmidt aufforderte, hätte im Neunkircher Tanzverein Dance Point locker zum Gewinn der Landesmeisterschaft gereicht!  Dabei spielt der gerade mal 19jährige mit fünf Haken, zwölf Ballberührungen in exakt elf Sekunden auch Torwart Oliver Kahn regelrecht Knoten in die Beine, ehe er die Lederkugel mit dem linken Fuß im Netz versenkt und Frankfurts 3:1-Sieg perfekt macht.

Dabei hat er gar nicht vor, den Ball so lange zu halten: „Ich hatte einfach keine gute Möglichkeit abzuspielen. Also habe ich gedribbelt, dabei selbst fast die Orientierung verloren, bis ich zum Glück diese kleine Lücke fand, nach der ich suchte.“ Noch Jahre später ist Oliver Kahn beeindruckt: „Mir ist heute noch schwindlig“, beschreibt der Torwart-Titan am 31. August 2016 die Nachwirkungen des Okocha-Tänzchens auf twitter. Kein Wunder, dass der Treffer, der bis heute auf youtube eine hohe Klickquote erreicht, später in der ARD-Sportschau zum „Tor des Jahres“ gewählt wird.

Die angesprochene Szene, die sich gestern exakt vor 28 Jahren an einem Freitagabend abspielte, würdigt „kicker-Sportmagazin“ in Form eines Interview mit dem Torschützen, der sich dabei auch an seine Anfänge im Ellenfeld erinnert: „Mein Bruder Emanuel spielte damals in Marburg und kaufte mir das Flugticket. Ich stand in Nigeria ursprünglich bei den Enugu Rangers unter Vertrag, hatte aber schon die Möglichkeit im Kopf, für einen Verein in Deutschland zu spielen. Meinen ersten Vertrag unterschrieb ich dann bei Borussia Neunkirchen.“ 17 Jahre jung war Jay Jay Okocha damals, als Borussen-Trainer Horst Brand über das, was sein Neuzugang da mit dem Ball alles anstellt, mehr als verblüfft ist. „Der hat den Ball fünfzigmal auf seinem ausgestreckten Schienbein jongliert“, erzählt der mittlerweile 75jährige Coach mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Brand überredet Okocha, in Neunkirchen zu unterschreiben. Nicht nur das: Der Coach kümmert sich intensiv um den jungen Mann, lädt ihn an Ostern zu sich nach Hause nach Butzweiler in die Nähe von Trier ein, damit er dort mit seiner Familie feiert. Im Garten trickst der Mittelfeldspieler Brands Kinder nach Strich und Faden aus – ein Vorgeschmack dessen, was Neunkirchens Fans dann erwartet.

Mit seinen Dribblings sorgt der Nigerianer im schwarz-weißen Dress auch gleich für Furore in der Oberliga Südwest. Mit insgesamt sieben Toren hat er nicht unerheblichen Anteil an Borussias Titelgewinn 1991. Doch aufgrund der fehlenden Spielberechtigung von Seiten des DFB für die Aufstiegsrunde kann er Borussia nicht zum Sprung in die zweite Liga verhelfen, 1860 München macht das Rennen.

„Mit 17 kommt er nach Deutschland. Sein erster Verein ist Borussia Neunkirchen.“ Kicker-Interview mit Jay Jay Okocha in der Ausgabe vom vergangenen Donnerstag.

1992 zieht der offensiv ausgerichtete Spielmacher auf kuriose Weise vom Ellenfeld aus, um die Fußballwelt zu erobern: Ein schnauzbärtiger Mann mit Sonnenbrille taucht im Saarland auf. „Wie heißt du?“, fragt der den Dribbelkönig vom Ellenfeld, „Jay-Jay“, sagt der. „Was machst du den Rest des Tages, wenn du hier nicht Fußball spielst?“ „Schlafen!“ „Dann kannst du auch zu uns zum Training kommen!“ Mit diesen Worten lotst (laut Magazin 11FREUNDE) Frankfurts Trainer Dragoslav Stepanovic den seiner Meinung nach „originellsten Spieler nach Pelé“ für eine heutzutage gerade lächerlich anmutende Transfersumme von 25.000 Mark an den Main. „Aber wenn ich mich richtig erinnere, sagte er mir, dass er eigentlich einen anderen Spieler beobachten wollte, nicht mich“, erinnert sich Okocha im Interview an die erste Begegnung mit „Stepi“, den er uneingeschränkt als seinen „besten Trainer“ bezeichnet. Warum? „Es war damals schwierig, einem jungen afrikanischen Spieler zu vertrauen und an seine Fähigkeiten zu glauben. Doch er schenkte mir das Vertrauen und ermunterte mich, mein Talent zu zeigen“, sagt Jay Jay Okocha. Immer, wenn er über die rechte Seite gekommen sei, habe Stepanovic ihn ermuntert: „Geh, mach ihn nass!“

Dabei wäre Okocha beinahe beim FC Bayern gelandet. „Ich nahm mit der Bayern-Jugend als Gastspieler in einem Turnier in der Schweiz teil. Danach lud mich Uli Hoeneß nach München ein. Doch ich war zu jung für eine Profivertrag. Sie wollten mich holen, aber nur mit einem mündlichen Vertrag.“ Doch den akzeptierte Okocha nicht, glaubt aber, die Bayern hätten gar nicht realisiert, dass sie ihn auch mit einem Amateurvertrag hätten binden können: „Den hätte ich unterschrieben!“

Das Tor gegen Oliver Kahn hat Jay Jay Okocha berühmt gemacht, sorgte auch außerhalb Deutschlands für enorme Publicity. „Das Tor hat mein Leben verändert“, sagt der Ballkünstler. Dabei hätte ein Fehlschuss auch fatale Auswirkungen haben können: „Mein damaliger Coach Klaus Toppmöller meinte hinterher im Spaß, dass meine Karriere beendet gewesen wäre, wenn ich nicht getroffen hätte. Er schrie: Schieß, schieß, schieß! Doch ich dribbelte immer weiter.“

Nach seiner Zeit in Frankfurt geht Jay Jay Okocha auf Wanderschaft, wechselt zu Fenerbahce Istanbul, später zu Paris St. Germain, den Bolton Wanderers, Qatar Sport Clubs und beendet seine Karriere schließlich  bei Hull City im Mutterland des Fußballs, wo ihm noch einmal der Aufstieg in die Premiere-League gelingt. Für Nigeria ist Jay-Jay 75mal international im Einsatz (14 Tore), wird 1994 Afrikameister und 1996 Olympiasieger in Atlanta: „Wir sind wie Helden gefeiert worden. Die Nationalmannschaft vereinte das Land. Wenn wir spielten, vergaßen die Menschen ihre Probleme, ihre Religion, einfach alles.“ Für Ex-Nationalspieler Mario Gomez wird er Vorbild, der Wolfsburger kleidete in seiner Jugend sein Kinderzimmer mit Okocha-Postern aus. Auch Frankreichs Star Blaise Matuidi wurde Okocha-Fan: „Seine unglaublichen Momente am Ball haben mich persönlich sehr inspiriert.“ 2004 nimmt Brasiliens Legende Pelé den Mann, dessen Stern im Ellenfeld aufging, in die FIFA 100, die Liste mit den 125 besten, noch lebenden Fußballern der Welt, auf. Noch heute pflegt Okocha, der 2009 in Nigeria einen nach seiner Trikotnummer benannten Nachtclub („Number Ten“) eröffnete und heute als Geschäftsmann in London lebt, Kontakte nach Frankfurt. Trainer werden wollte er übrigens nie: „Ich wollte die Freiheit haben, über mein Schicksal selbst zu bestimmen, und nicht irgendwo unter Vertrag stehen. Der Druck als Trainer wäre mir zu groß.“ Dann doch lieber Lust aufs Tanzen – Vor-Rück-(Oko)Cha-Cha, Rück-Vor-(Oko)Cha-Cha! (-jf-)

2 Kommentare

  1. Sein grösster Fan und Freund,war der leider zu früh verstorbene,
    THEO BRITZ.Er förderte und führte jay Jay durch seine Borussenzeit.Eine Freundschaft die über Jahrzehnte bestand,auch als Jay Jay,schon längst ein Weltstar war.

  2. Jay Jay ist auch in Frankfurt am Main unvergessen, sein Bild hängt in der
    U-Bahnstation Willy-Brandt-Platz mit anderen Größen wie WMs B. Hölzenbein u.
    J. Grabowski, sowie Anthony Yeboah u.a.

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