Heute vor 45 Jahren: Ein Phantomtor im Ellenfeld schreibt Geschichte

Aus der traditionsreichen Historie der Borussia: „Dixie“ Kobel trifft zum 4:3 gegen die Stuttgarter Kickers, doch der Sieg ist wertlos

Unser Bild: Schrieb mit seinem Tor Fußballhistorie im Borussen-Trikot: Heiz-Dieter „Dixie“ Kobel. (Archivfoto: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)

Im Ellenfeld läuft heute vor 45 Jahren gerade die 63. Minute im Spiel der 2. Liga Süd zwischen der Borussia gegen die Stuttgarter Kickers. Vor der Partie hatten die Borussen mit Stürmer Ferdi Keller losgeeist, um sich um harten Abstiegskampf zu verstärken. Der Ex-Nationalspieler ließ sich nicht lumpen und hatte schin gleich dreimal getroffen. 3:3 lautet das Zwischenresultat, die Partie steht auf des Messers Schneide. Wem wird das nächste Tor gelingen? Da fasst sich Heinz-Dieter Kobel, genannt „Dixie“, aus knapp 20 Metern ein Herz und feuert die Lederkugel auf das von Rolf Gerstenlauer gehütete Tor der Blauen vom Degerloch. „Der Ball ging rechts am Torpfosten vorbei und klatschte an die Haltestange des Tornetzes, von wo aus er von hinten auf das Netz kullerte“, erinnert sich der Scharfschütze, der auch noch mitbekommt, wie der Kickers-Keeper hinter sein Gehäuse eilte, um das Leder zum Abstoß zu holen.

Doch dann die Überraschung: Bundesligaschiedsrichter Peter Drescher aus dem bayrischen Oberschleichach zeigt zur Mitte und entscheidet auf Tor. Die Proteste der Gäste gingen ins Leere, der Unparteiische blieb bei seiner Tatsachenentscheidung: Er hatte offenbar durch den Flug des Balles den Eindruck eines gültigen Treffers und wurde von seinem Linienrichter in dieser Einschätzung nicht korrigiert. „Ich wusste direkt, dass das kein Tor war“, bekennt „Dixie“ Kobel in einem Interview des Magazins 11FREUNDE, und berichtet weiter: „Nein, er hat mich nicht gefragt, ob er drin war, sondern einfach auf Tor entschieden.“ Hätte er dem Mann in Schwarz die Wahrheit gesagt? „Das ist eine ganz schwierige Frage“, bekennt „Dixie“ Kobel, der froh war, „nicht in dieses moralische Dilemma gekommen zu sein. Unmittelbar nach der Situation kam Ferdi Keller zu mir und sagte, ich solle bloß ruhig sein und im Zweifelsfall behaupten, dass der Ball drin war. Aber es kam niemand. Ich denke, ich hätte zugegeben, dass es kein Tor war, aber hundertprozentig kann ich das nicht sagen“, so die ehrliche Antwort. Verständnis für die Fehlentscheidung ist jedenfalls vorhanden gewesen: „Es waren ja eine Menge Zuschauer da, für die es wohl von der Tribüne aus so aussah, als sei der Ball im Tor gewesen. Deshalb hat die ganze Kurve gejubelt und `Tor´ geschrien. Vielleicht war der Schiri deshalb irritiert.“ Auf einen Video-Assistenten konnte Peter Drescher damals noch nicht vertrauen.

Die „Saarbrücker Zeitung“ sprach nach der Partie in ihrer Spielnachlese von einer Tatsachenentscheidung, Borussia müsse „keine Stunde um die Punkte bangen.“ Doch das war ein Trugschluss. Denn in dieser Szene wurde an jenem 21. Oktober 1978 im Ellenfeld deutsche Fußballhistorie geschrieben: Erstmals wurde durch das Bundesgericht des DFB unter Aktenzeichen 7/78/79 die Tatsachenentscheidung aufgehoben und das Spiel aufgrund der Fernsehbilder annulliert. Die Fehlentscheidung sei, so hieß es in der Urteilsbegründung, „offensichtlich, für jeden Spieler und Zuschauer, welcher der Spielszene ohne Sichtbehinderung folgen konnte, unmittelbat und irrtumsfrei wahrnehmbar und beweisbar gewesen.“ Bei der Neuansetzung einen Tag vor Heiligabend waren die Kickers die glücklichere Mannschaft und siegten mit 1:0.

Hat den Torschrei schon auf den Lippen: „Dixie“ Kobel (links), während Ferdi Keller (Foto rechts) dafür gesorgt hat, dass Borussia mit dem 3:3 nach einer Stunde noch im Rennen war. (Archivfotos: Ellenfeld-Verein / Archiv Borussia Neunkirchen)

„Dixie“ Kobels Phantomtor jedoch war nicht das erste in der Fußballgeschichte und sollte auch nicht das letzte bleiben. In seiner Ausgabe vom vergangenen Montag erinnert „Kicker-Sportmagazin“ an weitere Schein-Tore: Schon in der Bundesliga-Premierensaison 1964/65 hatte Dortmunds Reinhold Wosab den Ball von außen durchs Netz ins Tor des KSC geschossen, das 4:1 zählte, am Ende stand es 5:1. Im März 1981 trifft Leverkusens Arne Larsen Ökland – ähnlich wie „Dixie“ Kobel – die Netzstange, von dort fliegt der Ball ans Außennetz des Bayern-Tores. Der Torschütze, der schon drei Tore erzielt hat, gesteht: Es bleibt beim 3:0. Im April 1994 zielt Bayerns Thomas Helmer im Spiel gegen den 1. FC Nürnberg links am Tor vorbei, Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers sieht den Ball im Netz und gibt das 1:0. Endstand: 2:1, doch das Spiel muss dank der Fernsehbilder wiederholt werden – Bayern München gewinnt 5:0. Und vor ziemlich genau fünf Jahren, am 18. Oktober 2018, fällt in Sinsheim das bislang letzte Phantomtor: Der Kopfball von Stefan Kießling findet von außen dummerweise durch ein Loch im Netz den Weg ins Gehäuse, der Unparteiische Dr. Felix Brych bekommt das jedoch nicht mit, es steht 2:0 für Bayer 04. Aber allen Protesten zum Trotz: Das Spiel wird nicht wiederholt, gibt aber Anstoß dazu, dass heute die Torlinientechnik für Klarheit sorgt.

War „Dixie“ Kobels Phantomtor damals vor 45 Jahren noch lange ein Thema? „Nein, eher nicht. Wir stiegen ja ohenhin ab und ich verließ die Borussia. Ab und an werde ich heute noch auf das Phantomtor angesprochen, aber meist von älteren Leuten, die Jüngeren wissen das gar nicht mehr“, sagt „Dixie“ Kobel, der nach seiner Zeit im Ellenfeld noch ein paar Jahre in Elversberg, bei Palatia Limbach, beim TuS Dunzweiler und TuS Hochspeyer kickte und anschließend als Spielertrainer und Trainer (Dunzweiler, Hochspeyer, SV Spesbach, Limbach Jugend und beim SV Bexbach) sportliche Verantwortung übernahm. Mittlerweile im pfälzischen Winnweiler beheimatet, verfolgt der im September 68 Jahre alt gewordene Fußballer die Borussia nach wie vor über diverse Medien. Selbst dem runden Leder hinterzujagen ist ihm, der noch jahrelang die AH der Limbacher Palatia verstärkt hatte, aufgrund von Knieproblemen nicht mehr möglich. Dafür hat er seine Leidenschaft für einen kleineren Ball aus Filz entdeckt: Tennisspielen ist zu seinem großem Hobby geworden.

Zum Schluss bleibt eine Frage offen: „Dixie“ – woher kommt dieser Spitzname? „Der stammt aus Kindertagen“, berichtet Kobel, „ich bin in Elmstein aufgewachsen. In direkter Nähe befand sich ein französisches Kinderheim. Da die Franzosen mit meinem Doppelnamen Heinz-Dieter hatten, hat eine junge Französin mich `Dixie´ gerufen. Und das ist dann so geblieben.“ Wenigstens in dieser Frage ist alles geklärt, kein VAR und kein Fernsehbeweis notwendig! (-jf-)

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