„Diese Jungs haben Unterstützung verdient!“

Gedanken zum Neustart der Saarlandliga im Ellenfeld am morgigen Mittwoch (19.00 Uhr) gegen den VfL Primstal

Bis zum Ellenfeld ist es nicht mehr als ein Kilometer. Je näher man dem Stadion kommt – von der Scheib die Zweibrücker Straße hinunter ebenso wie aus der Unterstadt – ,desto mehr Menschen sind auf der Straße unterwegs. Musik schallt von der hoch aufragenden Tribüne und Block 5 herüber, der Bratwurstduft lässt einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Mehrmals hatte man den Weg unterbrochen, um alte Freunde zu begrüßen und den Ultras beim Transport der Choreo zuzusehen. Die Schlage an der Stadionkasse ist recht stattlich, der Sprecher gibt bereits die Aufstellung der Mannschaften durch. Auf dem Weg zu den Stehplätzen ist gerade noch Zeit, ein Bier am Stand mitzunehmen. In Block 5 finden sich dann alle wieder, man kennt sich, man sieht sich: Die Freunde, die Nachbarn mit den Kindern, ein paar Meter weiter die Ultras, die ihre schwarz-weißen Fahnen schwenken. Aus tausend Kehlen erklingt die Hymne: „Go, Borussia!“

Szenen wie diese, leicht verändert beschrieben auf der Website der Aktion „Glotze aus, Stadion an!“ (GaSa), scheinen derzeit mehr als nur ein paar Straßenzüge weit weg. Für viele findet der Fußball heute als perfekt inszeniertes Medien-Spektakel vor dem heimischen Fernseher oder in der Pay-TV-Bar um die Ecke statt. Erst recht in Corona-Zeiten. „Restaurantbesuch, Kneipentour, Theater, Kino, Konzert, Fitness-Studio, Hallensport, Amateurfussball – nichts ging mehr. Das ganze gesellschaftliche Leben war vom Virus besetzt … Das ganze? Nein! Der unbeugsame Profifußball hörte nicht auf, dem Corona-Eindringling Widerstand zu leisten“, schreibt Kolumnist Frank Jöricke im „Trierischen Volksfreund“, um ernüchtert festzustellen: „Alle Regeln, die sonst überall galten, waren im Profifußball außer Kraft gesetzt. Weder gab es ein Kontaktverbot – die berührungslose Blutgrätsche muss erst noch erfunden werden! – noch einen Mindestabstand. Dass manche Kicker es auch außerhalb des Spielfeldes ordentlich krachen ließen, verwunderte dann schon nicht mehr. Staunend wurden wir gewahr, wie nichtverwandte Menschen sich berührten, umarmten, ja abknutschten ohne dass ein Ordnungshüter einschritt. Wir begriffen: Diese Welt war noch viel ungerechter, als wir geglaubt hatten.“

Nimmt man noch – ausgerechnet in Krisenzeiten – die horrenden Ablösesummen und nicht mehr nachvollziehbaren Gehälter fern jeglicher Vorstellungskraft sowie das desolate Bild auf mancher Funktionärsebene hinzu, dann wird verständlich, dass der eine oder andere sich vom großen Fußball, der längst in einer Parallelwelt weit weg von der Realität angekommen ist, abwendet. Und vielleicht gerade dabei ist zu begreifen, dass die Seele des Spiels auf dem Rasen eines Stadions oder Sportplatzes um die Ecke stattfindet. „Die Spielzüge sind keine schnell geschnittenen HD-Explosionen, die Spieler agieren nicht in Nahaufnahme und die Tore werden nicht aus allen Perspektiven in Zeitlupe wiederholt. Der echte Fußball ist ein Erlebnis im Jetzt. Er ist die sich aufbauende Spannung beim Eckstoß, das Entsetzen beim gegnerischen Strafstoß, das Luftanhalten bei der Abseitsentscheidung und die gemeinsame Ekstase beim Torerfolg. Ganz unvermittelt, aus ganz persönlicher Perspektive. Dieses einzigartige Erlebnis gibt es nur im Stadion“, steht für die Initiatoren von „Glotz an, Stadion aus“ fest. Erst recht in einem atmosphärischen Stadion wie dem historischen Ellenfeld. Da ist man ganz nah dran am Geschehen. „Es ist ein magischer Ort. Jede Ritze, jede Fuge verströmt den Geist der Zeit. Wie eine Trutzburg des alten Fußballs liegt das Ellenfeld mitten in Neunkirchen. Keine sterile Multifunktionsarena aus Stahl und Glas“, heißt es auf der Internetseite 16vor.de in einem Beitrag von Eric Thielen.

So auch am morgigen Mittwoch, wenn die Borussia um 19.00 Uhr gegen den VfL Primstal versucht, den 2:0-Auftaktsieg in Bischmisheim zu „vergolden“. Alles hat die personell dezimierte Mannschaft am Sonntag im Süden Saarbrückens rausgehauen, auch wenn dabei nicht alles Gold war, was glänzte. Nicht zu vergessen: Borussias Spieler haben während der Krise auf ihre ohnehin schon schmalen Zahlungen verzichtet. „Bei keinem stand der finanzielle Aspekt im Fokus. Das zeigt den Charakter der Jungs, die zum Verein stehen. Es ist der richtige Weg, auf diese Spieler zu bauen, und sie verdienen Vertrauen und Unterstützung von außen durch Zuschauer und Fans, gerade jetzt nach der schwierigen Zeit“, bricht Björn Klos eine Lanze für sein Team. Jede Krise ist immer eine Chance. Menschen können daran wachsen, wenn sie die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Aus Krisen kann eine Kraft entstehen, die Menschen auf eine andere Ebene befördern. Und so hofft der Borussen-Coach, „dass Corona auch die Sinne geschärft hat dafür, was gerade der lokale Fußball und das soziale Miteinander im Stadion bedeutet.“ Bischmisheims Vorsitzender Gisbert Schmeer gibt gerne zu, „dass ich das erste Pflichtspiel am Sonntag bei dieser tollen Zuschauerkulisse sehr genossen habe.“ Mit dieser Meinung dürfte er beileibe nicht alleine sein.

Die DJK Grattersbach in Niederbayern hat in einem facebook-Statement nicht nur Stellung bezogen, sondern auch einen flammenden Appell an alle Fußballfreunde gerichtet: „Wenn ihr bei der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs mittlerweile den Überblick verloren habt, dann unterstützt doch einfach euren lokalen Verein vor Ort. Da seht ihr vielleicht zwei, drei Übersteiger weniger, dafür aber leidenschaftlich geführte Zweikämpfe, viele Tore und echte Begeisterung statt einstudiertem Jubel. Für einen Zehner bekommt man hier noch Eintritt, Bier plus Bratwurst und kann bei 90 Minuten bester Unterhaltung über all das fachsimpeln, was den Fußball wirklich ausmacht. Und statt das Spielzeug eines Scheichs zu finanzieren, fließt euer Geld in die Infrastruktur eines Fußballvereins eurer Region. Kommt gerne mal auf ein Heimspiel vorbei – ihr werdet es nicht bereuen!“

Dem ist nichts hinzuzufügen – außer vielleicht: Auf ins Ellenfeld zum Heimspiel morgen Abend (19.00 Uhr) gegen den VfL Primstal! Und: Go Borussia! Support your local team, damit Szenen wie die folgende nicht immer mehr zum Fußball-Alltag werden:

Abpfiff. Die Ränge sind so leer, dass man kaum bemerkt, dass Zuschauer das Stadion verlassen. Ungelesen Stadionhefte wehen über die Ränge. Beim Weg zurück über den vereinsamten Parkplatz erklingen Jubelrufe. Die Tür der Pay-TV-Bar gegenüber steht weit offen. Im prall gefüllten Schankraum drücken sich Fußballinteressierte vor einen Fernseher. Die Mannschaft einer weit entfernten Stadt hat ein Tor geschossen. Menschen feiern den Erfolg des Ligamarketings. (-jf-)

1 Kommentar

  1. Dem Kommentar stimme ich zu 99% zu. Dem Profi-Fußball muss man aber zugutehalten – und die Bundesliga war in Europa Vorreiter – dass man Zeuge davon wurde: es geht weiter, es werden weiterhin trotz Corona und den Weltuntergangsprophezeiungen von Lauterbach und Co. öffentliche Veranstaltungen stattfinden, noch dazu im Freien, wo nachweislich praktisch keine Neuinfektionen stattfanden. Theater, Musikkonzerte und Kino… Alles ist eingeknickt, einzig der Fußball hat wenigstens im Profibereich standgehalten. Der Anstoß zur EM in Rom sendete ein wichtiges Signal: Leute, die Zeit der Couchpotatoes ist vorbei, erhebt eure Hintern und geht raus, die Zeit der Alibis weg. Corona zu Hause zu bleiben ist Geschichte. Die ausufernde Kommerzialisierung ist ein anderes Thema, hier konnte wenigstens der größte Sündenfall, die Einführung dieser Super-Europa-Liga u. a. durch die Verweigerung vom FCB und BVB – vorerst – verhindert werden.

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