Den großen HSV regelrecht entzaubert!

Aus der traditionsreichen Geschichte der Borussia / Endrunde um die deutsche Meisterschaft 1963 – Teil 2: Nach zwei Spieltagen auf Finalkurs

Unser Bild: Mit harten Bandagen wurde jeden Ball gekämpft – das bekommt Borussias Paul Pidancet (dunkles Trikot) in dieser Szene gegen HSV-Abwehrspieler Kröpelin zu spüren. Im Hintergrund die gewaltige Kulisse des Ludwigsparks. (Foto: Privatarchiv Paul Pidancet)

Dem 25. Mai hatte man nicht nur in Neunkirchen lange entgegengefiebert. Das ganze Saarland machte – heute vor exakt 57 Jahren – mobil, als der deutsche Meister von 1960, der große Hamburger SV, mit seinem damals legendären Mittelstürmer Uwe Seeler nach Saarbrücken kam. Im Ludwigspark, wohin die Borussia wegen des zu geringen Fassungsvermögens des Ellenfelds damals ausweichen musste, drängelten sich fast 40.000 Zuschauer auf den Rängen, als die beiden Mannschaften, angeführt von Schiedsrichter Heinz Fischer aus Augsburg, den Rasen betraten.

Die Borussen ließen von der ersten Minute an keinen Zweifel daran, dass sie mittlerweile mit den Großen des Landes gut mithalten konnten. Paul Pidancet, der mit seiner Dynamik Lothar Kurbjuhn, den beinharten HSV-Abwehrrecken, immer wieder vor nahezu unlösbare Probleme stellte, läutete mit seinem Führungstreffer nach gut 15 Minuten die Sensation ein. Bei den favorisierten Gästen aus dem hohen Norden lief derweil nicht viel zusammen, der rechte Flügel mit Klaus Neisner und Harry Bähre kam nicht zum Zug, und Stürmer Uwe Seeler und der Altinternationale Jürgen Werner, der seine letzte Saison spielte, schienen gar nicht auf dem Platz zu sein. Auch Nationalspieler Gert Dörfel auf Linksaußen bekam gegen den konsequent verteidigenden beinharten Günter Schröder keinen Stich! Wenn „Uns Uwe“ dann doch einmal zum Schuss kam (und das war selten genug!), warf sich ihm die Defensive der Borussen mit allem, was sie zur Verfügung hatte, entgegen. Borussia operierte mit langen Bällen und hebelte so die gegnerische Abwehr öfter aus, als es HSV-Trainer Martin Wilke lieb sein konnte. Die Schützlinge von Hans Pilz bewahrten Geduld, zogen in der Schlussviertelstunde gegen nun kräftemäßig nachlassende Hamburger das Tempo noch einmal an und belohnten sich mit zwei weiteren Treffern durch Elmar May (78.) und Achim Melcher, der in der Schlussminute mit dem 3:0 alles klar machte. HSV-Keeper Horst Schnoor war reichlich fassungslos und zog nach dem Schlusspfiff ein ernüchterndes Fazit: „Noch schlechter können wir gar nicht spielen. Wir können uns nur noch steigern!“ Eitel Sonnenschein dagegen bei den Borussen. Da die Münchner Löwen im Parallelspiel Borussia Dortmund nur knapp mit 3:2 geschlagen hatten, kehrten die Schwarz-Weißen nach der ersten Runde nicht nur als überraschender Tabellenführer der Gruppe 2 ins Ellenfeld zurück; auch die Revanche für die 1960 erlittenen deftigen Niederlagen gegen den Hamburger SV (0:4 und 0:6) war eindrucksvoll gelungen!

Synchronspringen: Während Borussias Torhüter Horst Kirsch sich gegen Hamburgs Stürmer Dieter Seeler behaupten muss (Bild oben), wird HSV-Keeper Horst Schnoor, flankiert von seinem Abwehrspieler Stapelfeldt (Nr. 3) von Borussias Offensivduo Günter Kuntz und Horst Berg attackiert (Bild unten). (Fotos: 90 Minuten – Mit Ferdi Hartung in die Bundesliga)

Nach der Partie gegen den HSV war hauptsächlich Regeneration angesagt. Denn nur vier Tage später stand die Reise nach Dortmund an. Im Stadion „Rote Erde“ erwarteten 31.000 Fans einen mehr oder weniger deutlichen Sieg der schwarz-gelben Borussia. Doch diese Hoffnungen erfüllen sich nicht. Stefan Tönnies fasst in seinem Buch „Der Kampf um die Salatschüssel“ die 90 Minuten in der „Roten Erde“ wie folgt zusammen: „Die insgesamt enttäuschenden Dortmunder kamen über ein 0:0 nicht hinaus. Die Elf von Trainer Hermann Eppenhoff trat stark ersatzgeschwächt an: Wilhelm Sturm und Jürgen Schütz mussten ersetzt werden, so kam der junge Gerd Roggensack zu seinem Endrundendebüt. Auch die Gäste traten nicht in Bestbesetzung an: Schreier und Kuntz fielen verletzungsbedingt aus. Allerdings merkte man den Saarländern das Fehlen der beiden Stammkräfte nicht an. Zudem lief Horst Kirsch zu Top-Form auf. Kamen die Dortmunder einmal durch, war der Torhüter stets auf dem Posten.“

Sichere Beute ist das Leder für Horst Kirsch, unterstützt von Erich Leist, gegen Dortmunds Sturm-As Timo Konietzka, der nicht nur in dieser Szene gegen Borussias aufmerksame Abwehr den Kürzeren zieht. (Foto: 90 Minuten – Mit Ferdi Hartung in die Bundesliga)

Da sich der Hamburger SV im Parallelspiel gegen 1860 München glatt mit 3:0 durchsetzte, blieben die Borussen auch nach dem zweiten Spieltag auf dem ersten Gruppenplatz und damit auf Finalkurs. Das sorgte bundesweit für großes Aufsehen. „Die Hüttenstädter haben“, so hieß es im Nürnberger „Sport-Magazin“ nach dem Gala-Auftritt gegen den HSV und dem torlosen Remis in Dortmund, „gegenüber den anderen Mannschaften ihrer Gruppe zweifellos etwas voraus: Den unbändigen Siegeswillen, der Berge zu versetzen vermag. Die Borussen scheinen darüber hinaus auch wesentlich gereifter als in den vergangenen Jahren. Sie sind beileibe keine Außenseiter mehr und deshalb auch in der Lage, den Gruppensieg zu schaffen“, so die Einschätzung des Kommentators. Der hieß im Übrigen Hermann Neuberger aus Saarbrücken – der Stern des Sportjournalisten ging in diesen Zeiten am bundesdeutschen Funktionärshimmel damals gerade kometenhaft auf! (-jf-)

Im dritten Teil unserer kleinen Serie (am kommenden Montag, 1. Juni): Die Borussia in der Höhle der Löwen!

Die Tabelle nach dem zweiten Spieltag:

1.Borussia Neunkirchen                3:0 Tore / 3:1 Punkte

2.Hamburger SV                              3:3 Tore / 2:2 Punkte

3.1860 München                             3:5 Tore / 2:2 Punkte

4.Borussia Dortmund                    2:3 Tore / 1:3 Punkte

Statistik

Borussia Neunkirchen – Hamburger SV 3:0 (1:0)

Borussia: Kirsch – Leist, Schock, Schreier, Schröder, Melcher, Ringel, Berg, Kuntz, May, Pidancet. – Trainer: Hans Pilz.

HSV: Schnoor – Kröpelin, Kurbjuhn, Stapelfeldt, Bähre, Neisner, Dieter Seeler, Werner, Wulf, Dörfel, Uwe Seeler. – Trainer: Martin Wilke.

Tore: 1:0 (17.) Pidancet, 2:0 (78.) May, 3:0 (90.) Melcher. – Schiedsrichter: Heinz Fischer (Augsburg). – Zuschauer: 40.000 (in Saarbrücken).

Borussia Dortmund – Borussia Neunkirchen 0:0

BVB: Wessel – Burgsmüller, Geisler, Paul, Kurrat, Schmidt, Cyliax, Kelbassa, Konietzka, Roggensack, Wosab. – Trainer: Hermann Eppenhoff.

Borussia: Kirsch – Backes, Leist, Schock, Schröder, Glod, Melcher, Ringel, Berg, May, Pidancet. – Trainer: Hans Pilz.

Tore: Fehlanzeige. – Schiedsrichter: Herbert Lutz (Bremen). – Zuschauer: 31.000.

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