Von Ladislav Jirasek zu Philippe Persch

Eine kleine Torhüter-Historie der Borussia / Björn Klos: „Wichtige Position!“ / Verlässlichkeit, Ehrgeiz und Teamgeist gefragt

Unser Bild: Hart, aber herzlich war der Konkurrenzkampf zwischen Horst Kirsch (li.) und Willi Ertz, die zu Bundesligazeiten zwischen den Borussen-Pfosten standen. (Fotos: Mythos Ellenfeld – 100 Jahre Borussia Neunkirchen / 90 Minuten – mit Ferdi Hartung in die Bundesliga)

Was macht einen guten Torwart aus? Philippe Persch hat auf diese Frage eine klare Antwort: „Vor allem mentale Stärke!“ Was Borussias Keeper damit meint: „Jeder Fehler, jede falsche Entscheidung hat andere Auswirkungen als bei einem Feldspieler und kann spielentscheidend sein. Da muss man dann drüberstehen, nicht weiter nachdenken und sich auf das konzentrieren, was kommt.“ In der Tat: Auf kaum einer anderen Position ist der Weg vom Held zum Depp so kurz! „Torhüter und Linksaußen sind alle bekloppt“, hieß es in den 50er-Jahren. Als besonders bekloppt galten Keeper, die nicht bloß bestrebt waren, ihren Kasten sauber zu halten, sondern bisweilen auch mitspielen wollten. Doch genau in diese Richtung hat sich mittlerweile das Anforderungsprofil für Torhüter verändert. Galt in früheren Zeiten noch das reaktionsschnelle Beherrschen des Fünfmeter-Raums als Qualitätsmerkmal eines guten Torwarts, so ist heute das fußballerische Mitdenken gefragt: Oft auf dem Elfmeterpunkt stehend das Spielgeschehen durchgehend konzentriert zu beobachten, gegnerische Konter früh zu antizipieren, mitzuspielen und dafür auch fußballerische Qualitäten zeigen. Für Philippe Persch ist in dieser Beziehung Manuel Neuer derzeit die absolute Nummer eins der Welt: „Spielverständnis, Technik, Mentalität – es gibt nichts, was der nicht kann.“

„Mentalität ist gefragt“ – Borussias derzeitige Nummer eins, Philippe Persch, zeigt sie auch in dieser Situation (Szene aus dem Vorbereitungsspiel im vergangenen Sommer beim FSV Salmrohr / Foto: -jf-)

Philippe Persch, die derzeitige Nummer eins im Ellenfeld, führt dabei die lange Tradition herausragender Torhüter im Ellenfeld fort. Einer der ersten nach dem Krieg, der die Fans begeisterte, war der Tscheche Ladislav Jirasek. 1952 von Bayern München nach Neunkirchen gekommen, wurde der gebürtige Prager nicht nur durch die Einheirat in eine Gastronomen-Familie, sondern auch durch sein sympathische Auftreten und seine herausragenden sportlichen Leistungen im Saarland schnell heimisch. 180 Spiele absolvierte er in der Oberliga-Südwest, damals erste Liga, im Borussen-Tor, bestritt zudem ein A-Länderspiel für die saarländische Nationalmannschaft und ein B-Länderspiel für den DFB, ehe er 1961 seine Laufbahn beendete, dem Sport aber als Diplom-Sportlehrer erhalten blieb. Ladisav Jirasek, „ein Vorbild an Einsatzbereitschaft, eine Sportpersönlichkeit“ (so Max Klein in einem Beitrag in „Mythos Ellenfeld – 100 Jahre Borussia Neunkirchen), starb 1977 im Alter von 50 Jahren viel zu früh.

Der Mann mit der Mütze: Ladislav Jirasek erreichte mit der Borussia 1959 das DFB-Pokalfinale gegen Schwarz-Weiß Essen – auch wenn es 2:5 verloren ging, einer der größten Erfolge der Vereinsgeschichte. (Fotos: Mythos Ellenfeld – 100 Jahre Borussia Neunkirchen).

Ihm folgten mit Horst Kirsch und Willi Ertz zwei Torhüter, die zweifellos als Borussen-Legenden bezeichnet werden dürfen. Horst Kirsch hatte vom nahen Merchweiler aus über die Zwischenstation Saar 05 den Sprung ins Ellenfeld gewagt. Viel hat er von Ladislav Jirasek gelernt: „Für mich ein Vorbild in jeder Hinsicht“, hat er einmal gesagt. In der vom Fachmagazin „kicker“ erstellten Torhüter-Rangliste landete Horst Kirsch hinter den Nationalspielern Wolfgang Fahrian (SSV Ulm) und Hans Tilkowski (Westfalia Herne) 1963 auf dem dritten Platz – der verdiente Lohn für herausragende Auftritte des Borussen-Keepers in der Liga und den Endrundenspielen um die deutsche Meisterschaft von 1961 bis 1963. Auch am Bundesligaaufstieg 1964 hatte Horst Kirsch seinen Anteil, hütete in zwei von sechs Spielen das Borussen-Tor. Und in der Bundesliga hatte er seinem Konkurrenten Willi Ertz gegenüber im ersten Jahr die Nase vorn, verzeichnete 20 Einsätze. Das Verhältnis zu seinem Mitstreiter um de Platz zwischen den Pfosten nannte er „einen sportlich fairen Konkurrenzkampf. Jeder von uns beiden wollte natürlich gerne spielen. Wer nicht durfte, war sauer – das ist dich ganz normal!“ Nach 56 Spielen in Liga eins verließ Horst Kirsch 1969 das Ellenfeld, spielte anschließend in Völklingen und Bad Kreuznach und ließ als Trainer noch einige Akteure an seinem Erfahrungsschatz teilhaben. 2018 ist Horst Kirsch 70jährig verstorben.

Willi Ertz hielt ziemlich viel von seinem sportlichen Rivalen. „Ich bin der Meinung, dass er das größere Talent war. Ich musste mir alles erarbeiten.“ Doch der harte Einsatz zahlte sich aus: Der Schlussmann mit dem Gardemaß von 1 Meter 91, der in jungen Jahren neben Fußball noch anderen sportlichen Neigungen nachging (Feldhandball, Tischtennis), feierte in seinen 27 Jahren bei der Borussia große Erfolge. Von Flensburg bis Freilassing, von Aachen bis Amberg feierten die Zeitungen den Gala-Auftritt des jungen Torhüters beim 2:0-Sieg im Juni 1964 in der Aufstiegsrunde bei Bayern München, mit dem die Borussen das Tor zur Bundesliga sperrangelweit aufstießen. In der Regionalliga Südwest legte er eine Serie von 995 Spielminuten ohne Gegentor hin – auch das sorgte in den Medien bundesweit für Schlagzeilen. Der „Neinkerjer Bub“ freute sich über die Komplimente und Zuneigungen, blieb aber immer bescheiden, zurückhaltend und vor allem zuverlässig und vereinstreu – auch später, als er der Borussia als Co-Trainer und spezieller Übungsleiter für die Torhüter diente. Mit seiner Gattin Gisela war er bis zuletzt Stammgast auf der Tribüne im Ellenfeld, ehe er sich im Juli 2018, ebenfalls viel zu früh, von dieser Welt verabschiedete. Die Stadt Neunkirchen hat oberhalb des Stadions im Neubaugebiet eine Straße nach ihm benannt (Willi Ertz-Weg) und damit seine Verdienste für die Borussia gebührend gewürdigt.

Die Liste der Legenden-Nachfolger ist lang. Zu ihnen gehört zweifellos der gebürtige Saarbrücker Charly Schröder, der von 1971, von Eintracht Trier gekommen, bis 1975 das Borussen-Tor vor Gegentoren zu bewahren suchte und vor allem dank seiner Sprungkraft zu den besten Keepern im Südwesten zählte.  Das kann man ganz sicher auch von Jürgen Muche sagen, der mit der Borussia dreimal in Folge Saarlandmeister und einmal Pokalsieger wurde und darüber hinaus 14 Mal für die deutsche Amateur-Nationalmannschaft auflief. Nach dem Ende seiner Karriere widmete er sich mit ebenso großer Leidenschaft seiner Berufung als Lehrer für Deutsch und Sport am Illtal-Gymnasium in Illingen. Damit nicht genug: Gemeinsam mit Ehefrau Hiltrud engagierte sich Jürgen Muche für ein Afrika-Projekt, bei dem über 800 Patenkinder im durch Wirtschaftskrise, Dürreperioden und politischen Unruhen stark gebeutelten Simbabwe unterstützt wurden. Im November 2019 ist Jürgen Muche im Alter von nur 69 Jahren gestorben.

Auf geht´s: Roland Kuppig in gespannter Erwartung vor dem Aufstiegsrundenauftakt 1991 gegen 1860 München im Ellenfeld (oben). Einer seiner Nachfolger, Sascha Purket (unten), hier Retter in höchster Not beim Saarderby im Saarbrücker Ludwigspark,, prägte 15 Jahre lang eine Ära im Ellenfeld! (Fotos: Mythos Ellenfeld – 100 Jahre Borussia Neunkirchen)

In den 80er Jahren war Roland Kuppig eine besondere Persönlichkeit zwischen den Borussen-Pfosten. 109 Spiele bestritt der Doktor der Orthopädie, der heute in Saarbrücken in einer Gemeinschaftspraxis arbeitet und als Mannschaftsarzt für den 1. FC Saarbrücken tätig ist, für die Borussia. Sein Highlight: Gewinn der Südwestmeisterschaft 1991 und die folgende Aufstiegsrunde, in der die Borussia an 1860 München scheiterte. Eine regelrechte Ära prägte im Ellenfeld in den 90er- und 2000er Jahren Sascha Purket, dem das Kunststück gelang, achteinhalb Jahre lang keine einzige Partie zu verpassen. Sagenhafte 707 Spiele machte er in seinen 15 Jahren im Borussen-Trikot zwischen 1992 und 2007. Kein Wunder, dass der gebürtige Lauterer, der heute im Trainerstab des Nachbarn SV Elversberg tätig ist, Publikumsliebling und Legende zugleich wurde. Auch Sébastian Flauss gehört zu den Torhütern, an die man sich im Ellenfeld noch gerne erinnert. Über US Forbach, den 1. FC Saarbrücken, SV Elversberg und die Sportfreunde Köllerbach hatte der Franzose den Weg zur Borussia gefunden, für die er 77 Mal im Einsatz war. Dann zog es ihn nach Luxembourg zu Progres Niederkorn, wo er immer noch als Stammkeeper agiert und sogar Europokalerfahrungen (u.a gegen Glasgow Rangers) sammeln konnte. Sebastian Grub, Robert Lehmann, Malcolm Little sind weitere Namen, die dem langjährigen Borussen-Fan in den Sinn schießen, wenn es um die Position zwischen den Pfosten geht. Sie alle aufzuzählen würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Auf jeden Fall waren die Borussen hier meist topbesetzt, starke Persönlichkeiten, alles andere als „bekloppt“!

Darauf legt auch Björn Klos großen Wert, der nun nach dem bevorstehenden Weggang von Anas Hafid zum FSV Jägersburg noch einen Torhüter für die neue Spielzeit sucht. „Verlässlichkeit, Ehrgeiz, Teamgeist und die Bereitschaft, sich zu entwickeln und dabei auch vom erfahrenen Philippe Persch einiges zu lernen“, beschreibt der Borussen-Coach das Anforderungsprofil. Natürlich ist sich Björn Klos bewusst, „dass der Platz im Tor eine schwierige Position ist, denn schließlich kann nur einer spielen. Aber der Wind kann sich schnell drehen. Man weiß nie, was passiert. Und wenn es darauf ankommt, brauchen wir einen Mann, der zu hundert Prozent da ist!“ So, wie es zu besten Zeiten der Borussia war, als Horst Kirsch und Willi Ertz um Einsatzzeiten kämpften: Hart, aber fair, und immer im Sinne der Mannschaft! Der neue Mann hat also auch die Gelegenheit, mit ein bisschen Geduld zu einer Legende zwischen den Pfosten des altehrwürdigen Ellenfelds zu werden … (-jf-)  

2 Kommentare

  1. Nicht zu vergessen ist Jakob Forster, der Vorgänger von Lado Jirasek, der in über 500 Oberligaspielen zwischen den Pfosten stand.
    Träger des Bundesverdienstkreuzes wg. seiner Verdienste um den Güternahverkehr im Saarland.
    Werner Bohr, Frankfurt am Main

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