Fundstücke (12): „Das verlorene Spiel tut nicht weh!“

Für 80 Pfennig konnte man die Ausgabe käuflich erwerben. Die Nr. 51 des „Sportmagazins“, das vor knapp 54 Jahren am 26. Juni 1967 die Auslagen des Zeitschriftenhandels zierte, zeigte schon auf dem Titelblatt das zentrale Thema des Heftes an: „Gratulieren Aachen und Neunkirchen“ ist da in grünen Lettern zu lesen. Dazu ein Bild, das Borussen-Coach Zeljko Cajkovksi in freundschaftlicher Umarmung mit Spielführer Günter Kuntz zeigt. Das Finale der Aufstiegsrunde zur Bundesliga im heißen Sommer 1967 wird auf sieben Seiten ausführlich beleuchtet. Mitten drin statt nur dabei: Die Borussia aus dem Ellenfeld.

Die hatte nämlich schon drei Tage vor dem letzten Spieltag mit einem 1:1 bei Schwarz-Weiß Essen die Rückkehr in die Bundesliga nur ein Jahr nach dem Abstieg 1966 perfekt gemacht. Die 0:1-Heimniederlage gegen Hertha BSC fiel deshalb nicht mehr ins Gewicht. „Die Hitze und die Feiern setzten Borussia zu“, analysiert Reporter J. Goebel. Seine Eindrücke im Spielbericht: „Das Spiel war nicht gerade überwältigend. Die Hitze war sehr groß, und den Borussen merkte man an, dass die Konzentration recht mangelhaft war. Daran waren gewiss auch die Feiern schuld, die man im Anschluss an die Gewissheit des Aufstiegs zur Bundesliga veranstaltet hatte. Beide Außenstürmer vor allem wirkten matt. Pontes schien völlig ausgebrannt, und Linsenmaier hielt schlecht Platz: Er drängte immer zur Mitte.“ Der Halblinke Erich Hermesdorf sei einer der eifrigsten Borussen gewesen, doch die besten Spieler hätten diesmal in der Abwehr gestanden: „Sie wurde von Erich Leist souverän dirigiert.“ Die Berliner Defensive habe mit den zusammenhanglos operierenden Borussen-Stürmern wenig Mühe gehabt. So sahen 15.000 im Ellenfeld nur ein Tor (durch Kluge nach 82 Minuten), das den Berlinern den einzigen Auswärtssieg der Runde einbrachte. So war Hertha-Trainer „Fiffi“ Kronsbein nach den 90 Minuten zufrieden: „Wir sind nach Neunkirchen gekommen, um dem zukünftigen Bundesligisten alles abzuverlangen. Der größere Eifer und das wirkungsvollere Zusammenspiel hat den Sieg gewiss gerechtfertigt.“ Sein Gegenüber Zeljko Cajkovski wusste, dass die Borussen „völlig ausgebrannt“ waren; er wollte ja aus diesem Grund bereits drei Tage zuvor in Essen vier Spieler ersetzen. So konnte Cajkovski die Bedeutung des Spiels entsprechend einordnen: „Das verlorene Spiel tut nicht weh. Die Mannschaft hat die Ferien hochverdient.“

Der Jubel in und um Neunkirchen war natürlich riesig. „Sportmagazin“-Mitarbeiter Goebel berichtet: „Seit Wochen fieberten die treuen Borussenanhänger der Wiedergewinnung der Bundesliga entgegen. Am letzten Mittwoch fügte die tapfere Borussenelf in Essen den letzten Stein auf ein stolzes Gebäude. (…) Ein wahrer Jubelsturm brach in ganz Neunkirchen los, als Gayer, der in der Meisterschaftsrunde so manch sicheres Tor vergab, Hermesdorfs Flanke zum Susgleich eingeköpft hatte. (…) Für die ganze Stadt und die sportfreudige Umgebung ein willkommener Anlass, zünftig zu feiern. Und so waren die Sportlerlokale in der Hüttenstadt am Mittwochabend von frohen und glücklichen Menschen besetzt wie zu großen Festtagen, und wo ein Fernsehgerät stand, wartete man ungeduldig auf die Übertragung aus Essen gegen 23 Uhr.“ Eine Erzählung wie aus einer ganz anderen Zeit!

Dabei wurde der taktische Schachzug von Trainer Zeljko Cajkovksi, einigen Spielern in Essen eine Ruhepause zu gönnen, kontrovers diskutiert. Cajkovksi wollte am Uhlenkrug bewusst auf die Mittelfeldspieler Kuntz, Gayer und Hermesdorf sowie dem jungen Pontes verzichten: Sie sollten sich kurz verschnaufen, um im vermeintlich entscheidenden und letzten Spiel gegen Hertha BSC wieder von den Strapazen erholt auflaufen zu können. „Dass Cajkovski sein Vorhaben in Essen kurzfristig änderte und in bester Besetzung antrat, wurde von den Anhängern lebhaft begrüßt“, heißt es weiter, „so sehr man Fuhrmann, Münz, Schmidt und Seebauer die Berufung gegönnt hätte.“  

Wie sollte es jetzt in der Bundesliga weitergehen? „Nicht wenige sind der Meinung, die Borussen hätten sich namhaft verstärken müssen, zumal die Mannschaft da und dort gewisse Schwächen aufweise“, heißt es in der weiteren Analyse des „Sportmagazins“. Vereinsleitung und Trainer sähen in der guten Kameradschaft innerhalb der Mannschaft „das Unterpfand der jetzigen und künftigen Erfolge. Man verweist darauf, dass die Borussenelf, die den ersten Aufstieg 1964/65 geschafft hat, aus guten Kameraden bestand. Aus mancherlei Gründen, so argumentiert man, sei der gute Geist innerhalb des Mannschaftsgebildes im zweiten Jahr verloren gegangen, und der Abstieg sei die Folge gewesen. Dies soll nicht wieder vorkommen. Die heutige Mannschaft soll im Prinzip die Bundesligaspiele bestreiten. (…) Über allem aber, so versichert man, soll der Grundsatz stehen: Der Jugend, die vor Spielfreude brennt und sich verzehrt, gehört die Zukunft! Ein löblicher Grundsatz gewiss, wenn nur die Jugend dabei nicht ausbrennt!“

Im Übrigen hatte Zeljko Cajkovskis Bruder „Tschik“, Bayern Münchens Erfolgstrainer, der 1964 in der Aufstiegsrunde noch an der Borussia gescheitert war, Neunkirchens Wiederaufstieg  sowie den Mitaufstieg der Alemannia aus Aachen im „Sportmagazin“-Tipp-Spiel vorhergesagt! Beide Spiele gegen den Mitaufsteiger verloren die Borussen: Knapp mit 0:1 im heimischen Ellenfeld, auf dem Aachener Tivoli war man beim 1:5 ohne Chance. Und die kritischen Schlussworte von „Sportmagazin“-Reporter Goebel sollten sich am Ende bewahrheiten. Die Borussen mussten im Sommer 1968 mit nur 19 Punkten erneut den schmerzlichen Gang in die Regionalliga antreten. (-jf-)

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