Heute vor 54 Jahren: Borussia spielt Eintracht Frankfurt an die Wand

Aus Borussias traditionsreicher Historie: Doppeltorschütze Heinz Simmet war der Mann des Tages / Bundesliga-Aufsteiger Borussia baut Serie in der Saison 1964/65 auf 11 ungeschlagene Heimspiele im Ellenfeld aus

Unser Bild: Elmar May setzte mit diesem „staubtrockenen“ Elfmeter nach 83 Minuten den Schlusspunkt unter ein überzeugendes Spiel der Borussia. (Foto: Mit Ferdi Hartung in die Bundesliga / Band 1: Borussia Neunkirchen)

„Erbarmen – die Hessen kommen!“ Eintracht Frankfurt heißt derzeit die Mannschaft der Stunde in der Bundesliga. Mit dem 2:1 Sieg auf Schalke untermauerten die Frankfurter ihren Qualifikationsplatz für die Champions League. Doch heute exakt vor 54 Jahren hieß die Mannschaft der Stunde in der Bundesliga Borussia Neunkirchen! Denn bei dem klaren 4:0 im Ellenfeld am 10. April 1965 hatten die Borussen gegen eben jene Hessen keinerlei Erbarmen. Die Schützlinge von Trainer Horst Buhtz spielten die bis dahin auswärtsstärkste Mannschaft der Liga geradezu an die Wand, holten dabei nicht nur zwei eminent wichtige Punkte im Abstiegskampf, sondern bauten auch ihre imposante Heimserie auf 11 Spiele ohne Niederlage aus – mit 19:9-Punkten im Ellenfeld kletterte Borussia damit auf den vierten Platz der Heimtabelle! 25.00 begeisterte Fans feierten ihr Team.

Denn mit dem deutlichen Sieg gelang gleich eine doppelte Revanche: Zum einen für das unglücklich mit 0:1 verlorene Hinspiel im Waldstadion, Frankfurts Torschütze: Der Österreicher Wilhelm Huberts. Zum anderen für das Aus im DFB-Pokal: Beim 1:2 in Frankfurt hatte Huberts ebenfalls ein Tor beigesteuert, Horst Trimhold hatte die Eintracht in Führung gebracht, Erwin Glod den Anschluss markiert. Beim Spiel im Ellenfeld galten die Gäste, als Tabellensechster mit dem Ruf eines technisch beschlagenen Teams angereist, als Favorit, mussten jedoch am Ende feststellen, dass ohne entsprechenden körperlichen Einsatz nichts geht.

Mit offenem Mund kämpft Borussias Günter Heiden (rechts) in dieser Szene gegen Frankfurts Dieter Lindner um den Ball. (Foto: 90 Minuten – Mit Ferdi Hartung in die Bundesliga / Band 1: Borussia Neunkirchen)

„Borussia riss sofort das Gesetz des Handelns an sich und ließ von der ersten Minute an keinen Zweifel daran, wem der Sieg gehören würde“, berichtet die „Saarbrücker Zeitung“ in ihrer Spielnachlese vom 12. April 1965. Denn die Borussen setzten die hessische Defensive sofort unter Druck, verpassten dabei aber in der ersten halben Stunde mehrere gute Möglichkeiten. Auffälligste Offensivkraft der ganz in weiß angetretenen Borussen war Elmar May, der häufig aufs Tor schoss und dabei auch die Latte anvisierte. Die „SZ“ schreibt weiter: „Als dann der diesmal ganz hervorragend aufgelegte Halbrechte Simmet zwischen der 32. und 33. Minute durch zwei Tore für Sicherheit gesorgt hatte, da ließen die Borussen die Fesseln fallen. Frei von nervlicher Belastung zeigten sie, dass sie in ihrem ersten Bundesligajahr riesige Fortschritte gemacht hatten. Die Mannschaft, deren enormer Kampfgeist schon zu Regionalligazeiten gefürchtet war, hat neue Qualitäten hinzugewonnen. Sie beherrscht jetzt auch das Spiel. Da sahen selbst alte Routiniers in der Frankfurter Mannschaft wie blutige Anfänger aus.“ Ein besonderes Lob erhielt Doppeltorschütze Heinz Simmet in der Borussen-Offensive: „Dort hatte der erst 20jährige Simmet, der vom SV Holz zu den Neunkirchern stieß, seinen großen Tag. Er verlor kaum einen Zweikampf, und wenn, dann holte er sich den Ball zurück. Er schlug bildschöne Flanken und bestach durch ein präzises Zuspiel. Er war Hans Dampf in allen Gassen und trug durch seine Leistung wesentlich zu diesem Erfolg bei, der leicht noch hätte höher ausfallen können. Aber in der 22. Minute verwehrte der Torbalken einem Prachtschuss von Elmar May den Weg ins Netz, dann rettete Blusch für seinen bereits geschlagenen Torwart, der einen weiteren Scharfschuss von May noch gegen die Latte lenken konnte, bevor Günter Kuntz eine Minute vor der Pause die größte Gelegenheit liegen ließ.“ Bis zum 3:0, einem Eigentor des Fankfurters Richard Weber nach „Vorarbeit“ von Günter Heiden (58.), dominierten die Borussen weiter nach Belieben. Vor allem Achim Melcher schaltete sich jetzt immer öfter ins Offensivspiel ein, dirigierte das Borussen-Team und prüfte Eintracht-Keeper Egon Loy gleich mehrmals. „Frankfurts Aufbäumen nach dem 0:3 fand ohne Druck und Ideen statt: Brotlose Kunst ohne Körpereinsatz“, konstatiert der Berichterstatter auf „fussballdaten.de“. Den Schlusspunkt setzte der „blonde Engel“ Elmar May, nachdem Dieter Lindner Borussias bulligen Stürmer Günter Heiden nur noch per Foulspiel hatte stoppen können (83.): „May kanonierte das Leder so hart ins Netz, dass Loy, obwohl der Ball rechts von ihm einschlug, nicht die Spur der Abwehrchance hatte“, so die „SZ“. „Mays 11er Bombe hätte Loy fast die Finger weggerissen“, bemühte auch „fussballdaten.de“ eine ziemlich martialische Ausdrucksweise.

Frankfurts Keeper Egon Loy und Borussias Günter Kuntz im Luftkampf – wo ist der Ball geblieben? Im Hintergrund erhebt sich – mit noch unfertigem Dach, das einige wagemutige Zuschauer als luftigen Sitzplatz nutzen – die mächtige neue Tribüne des Ellenfelds. Wenige Wochen nach dem Sieg gegen Eintracht Frankfurt wurde sie fertiggestellt. (Foto: 90 Minuten – Mit Ferdi Hartung in die Bundesliga / Band 1: Borussia Neunkirchen)

So war die Partie bis zum Ende eine unerwartet einseitige Angelegenheit. Denn die Borussen hatten einen „Sahnetag“ erwischt, an dem ihnen nahezu alles gelang und sie den höchsten Sieg in ihrer Bundesligageschichte einfuhren. Wie wichtig dieser Erfolg war, offenbarte sich ganz schnell bei einem Blick auf die Tabelle, die den Anstiegskampf als eine ganz enge Kiste aufwies: Borussia rangierte jetzt auf Platz 12 (23:31 Punkte) nur ganz knapp vor dem Hertha BSC (22:32) und dem 1. FC Kaiserslautern (21:33), während die beiden Abstiegsplätze von Schalke 04 und dem Karlsruher SC (jeweils 20:34) eingenommen wurden. Der doppelte Punktgewinn gegen Frankfurt sollte den Borussen aber darüber hinaus Flügel verleihen, blieben sie doch in den letzten drei Saisonspielen unbesiegt. In Hannover und Berlin holten die Buhtz-Schützlinge jeweils mit 1:1 einen Punkt und schlugen zum Saisonausklang den VfB Stuttgart mit 3:1. Der Klassenerhalt war geschafft!

Gegen Frankfurt schickte Coach Horst Buhtz folgende Team auf den Rasen des Ellenfelds: Willi Ertz – Erich Leist, Dieter Schock, Hans Schreier, Günter Schröder, Erwin Glod, Achim Melcher, Günter Heiden, Günter Kuntz, Elmar May, Heinz Simmet. Ivica Horvat, Trainer der Eintracht, hatte folgende Spieler aufgeboten: Egon Loy – Peter Blusch, Friedel Lutz, Richard Weber, Dieter Lindner, Dieter Stinka, Horst Trimhold, Helmut Kraus, Georg Lechner, Erwin Stein, Hans-Georg Tutschek. (-jf-)

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