Fluch und Segen

Mentalität ganz spät belohnt: Borussia mit dem Mut der Verzweiflung 1:1 gegen die SG Mettlach-Merzig / Marco Dahler (unser Bild) der „Mann des Tages“: Erst Elfmeter verschossen, dann den finalen Freistoß verwandelt / Christian Schübelin: 1:1 ein Punktgewinn!

Gegen Mettlach scheint sich Borussia in der Saarlandliga auf Last minute-Tore spezialisiert zu haben. Gegen keinen anderen Kontrahenten trafen die Borussen so häufig in den letzten Minuten oder gar in der Nachspielzeit! Im April 2018 sorgte Daniel Ruschmann per Kopf für den 2:1-Sieg (90.+3), nur wenige Monate später im August sauste ein Freistoß von Kevin Saks genau in den Torwinkel zum 1:0 (90.). Im Oktober 2019 war es Josef Hindi, der den Gästen von der Saarschleife beim 2:2 durch seinen Treffer einen Punkt klaute (89.), ehe im November 2021 beim 3:2 Daniel Schlicker (90.+4) und Tim Klein (90.+7) die Partie nach 1:2-Rückstand sogar komplett drehten. Da wollten die Borussen des Jahres 2023 nicht nachstehen: Marco Dahlers fulminantem Freistoß aus etwa 17 Metern über die Abwehrmauer hinweg direkt unter die Latte rettete nach ziemlich dominantem Spiel wenigstens einen (allerdings hochverdienten) Zähler. „Es war unter dem Strich auf jeden Fall ein gewonnener Punkt“, sah Trainer Christian Schübelin mit der ihm üblichen positiven Ausstrahlung das Glas am Ende eher halbvoll. Holger Klein, der vor der Partie davon gesprochen hatte, „dass uns ein Punkt in der augenblicklichen Situation unheimlich gut tun würde“, tat der Last-minute-Treffer dann doch eher weh: „Angesichts der Tatsache, dass meine Mannschaft eine Klasse-Leistung geboten hat, ist das sehr bitter. Aber so ist Fußball“, resümierte Mettlachs Coach. Last minute-Tore: Für die einen ein Segen, für die anderen ein Fluch!

In ereignis- und chancenarmen ersten 45 Minuten war die SG Mettlach-Merzig nach 25 Minuten in Führung gegangen, als Aaron Engeldinger einen klugen und genau in die Schnittstelle servierten Pass von Luca Thomas geschickt annahm und die Lederkugel an Maximilian Strack vorbei rechts unten ins Toreck schlenzte. „Das war natürlich sehr gut gespielt, aber wir haben das auch viel zu luftig gespielt, lassen den Gegner durchlaufen und bekommen keinen Druck auf den Ball“, sparte Christian Schübelin in dieser Situation einerseits nicht mit Lob für die Gäste, andererseits nicht mit Kritik am eigenen Defensivverhalten. Das Tor für die Gäste, die bis dahin offensiv so gut wie gar nicht in Erscheinung getreten waren, fiel wie aus dem Nichts heraus. Nur eine Minute zuvor hatte Mettlachs Keeper Frank Hennen den Rückstand verhindert, als er nach langem Einwurf von Kamil Czeremurzynski und Marco Dahlers Kopfballverlängerung bei einem tückischen 17-Meter-Flachschuss von Tim Cullmann rechtzeitig abtauchte und das Leder abwehren konnte – eine echte Meisterleistung (24.)

Symptomatisch, dass Borussias wenige gute Gelegenheiten aus Standardsituationen entstanden: Christian Schübelins Schützlinge kontrollierten zwar weitestgehend das Spiel und versuchten sich immer wieder in einem geduldigen Spielaufbau von hinten heraus, taten sich dabei aber schwer, hinter die gegnerische Abwehrkette zu kommen. Und wenn sich eine Chance bot, wurde der rechtzeitige Moment zum Abschluss verpasst – so wie bei Dominik Cullmanns tollem Dribbling, der gleich mehrere Gegenspieler regelrecht vernascht hatte, ehe er am nächsten hängenblieb (Christian Schübelin: „Der darf das, er ist noch jung!“). Die Gäste, die auf nadelstichartige Konter setzten, hätten kurz vor dem Pausenpfiff von Schiedsrichter Julian Marx fast sogar noch einen Treffer draufgelegt: Als Simon Engeldingers Freistoß vom linken Torpfosten ins Aus klatschte, war Holger Klein bereits in Jubelposition gegangen.

Nach Wiederanpfiff erhöhten die Borussen die Schlagzahl, kamen besser hinter die Abwehrkette der Gäste. Folglich ergaben sich Torgelegenheiten fast im Minutentakt. „Ich habe meinen Chancenzettel noch nie so voll gehabt wie heute“, berichtete Borussias Kameramann Heinz Petri, der das Geschehen auf dem grünen Rasen aus luftiger Höhe festgehalten hatte. Doch die Kiste schien, auch dank der Reaktionsschnelligkeit von Keeper Frank Hennen, wie vernagelt. Ob Simon Schreibeisen (46., 55., 73.), Tim Klein (47., 53.), Christoph Stemmler (52.) oder Nico Christmann, der sich des öfteren mit mutigen Distanzschüssen (48., 70.) auszeichnen konnte – sie alle verpassten mit Kopf, Bein, Fuß und ganz viel Pech den möglichen und längst fälligen Ausgleich. „Erst hast du kein Glück – dann kommt auch noch Pech dazu!“ Diese dem früheren Dortmunder Profi Jürgen Wegmann (Spitzname: „Die Kobra“) zugeschriebene Aussage wollte wohl auch Alexander Velikov unterstreichen, als sein wuchtigen Abschluss nur die Oberkante der Latte touchierte – hier wäre der tüchtige Frank Hennen machtlos gewesen!

Die letzte Aktion: Marco Dahler zimmert den Freistoß unter die Latte (oben), anschließend explodierten die Emotionen im Borussen-Lager (unten). (Fotos: -jf-)

Unterbrochen wurde die Neunkircher Daueroffensive nur gelegentlich durch Mettlacher Konterattacken, die aber dank der Tatsache, dass die Borussen nun mehr Risiko gingen, nicht ungefährlich waren. So musste Maximilian Strack sowohl gegen Sven Schmitz (75.) als auch Marcel Lorig (86.) gleich zweimal entschlossen zupacken, um Schlimmeres zu verhindern. Auf der anderen Seite hatten auch die eingewechselten Sebastian Cullmann und Noureddine El Khadem bei ihren Abschlüssen zu wenig Zielwasser getrunken. Christian Schübelin hatte mittlerweile das volle Auswechselkontingent ausgenutzt und einiges umgestellt – die Wende sollte, ja musste jetzt, als die Schlussphase eingeläutet wurde, her. Während der Borussen-Coach seine Jungs nochmals pushte und die letzten Energiereserven mobilisierte („Immer noch dran glauben, auf geht´s!“), strahlte Holger Klein Optimismus aus: „Männer, dran bleiben – heute belohnen wir uns!“

Als der Sekundenzeiger unerbittlich auf die 90. Minute zurückte, schienen alle Anstrengungen der Borussen doch noch belohnt zu werden. Nach einem Einwurf von der linken Seite in den Strafraum wusste sich Mettlachs Philipp Lauer nur noch durch eine allzu liebevolle Umarmung gegen Marco Dahler zu helfen, der Borussen-Kapitän kam zwar trotz Behinderung zum Abschluss, doch Schiedsrichter Julian Marx zögerte keinen Moment und zeigte zum Entsetzen der Gäste auf den ominösen Punkt. Wenig später war das Entsetzen auf der anderen Seite, denn Marco Dahler, ansonsten ein todsicherer Elfmeterschütze, scheiterte an Frank Hennen. Zum einen hatte Mettlachs Keeper die Ecke geahnt („Ich wusste, wohin Marco Dahler schießen würde!“), zum anderen war der Schuss des Capitano nicht so hart und nicht so platziert wie sonst. Das war´s, dachten wohl die meisten der 400 Fans, aber die Borussen hatten die obigen Worte ihres Trainers verinnerlicht und fuhren einen letzten Angriff. Sogar Keeper Maximilian Strack war in den gegnerischen Strafraum geeilt, war indirekt beteiligt an der Szene, die nach Andreas Beckers Foul an Sebastian Cullmann zum wohl allerletzten Freistoß des Spiels führte.

Dass der dann von Marco Dahler, aus 17 Metern volle Kanne unter die Latte gefeuert, im Netz landete, passte irgendwie zur Dramaturgie des Spiels. „Ich wollte unbedingt den vergebenen Elfmeter wieder gutmachten“, sagte der Kapitän voll gemischter Gefühle und darf sich dabei zugute halten, dass nicht viele Spieler nach dem vergebenen Strafstoß die Traute gehabt hätten, bei der wirklich allerletzten Gelegenheit nochmal anzutreten, zumal eigentlich Nico Christmann den Freistoß hätte schießen sollen. So feierten Mannschaft und Fans gemeinsam den einen Punkt, mit dem sich die Borussen für eine bis zur letzten Sekunde ungebrochene Mentalität völlig zurecht belohnten und versöhnlich in den anschließenden Mannschaftsabend starten konnten! (-jf-)

Statistik: Borussia – SG Mettlach-Merzig 1:1 (0:1)

Borussia: Maximilian Strack – Tim Cullmann (ab 69. Alexander Velikov), Kamil Czeremurzynski (ab 57. Lars-André Kaula), Marco Dahler, Christoph Stemmler, Nico Christmann, Dominik Cullmann (ab 69. Ralph Smith), Sayfedine El Khadem (ab 80. Noureddine El Khadem), Michael Müller, Simon Schreibeisen, Tim Klein (ab 80. Sebastian Cullmann). – Trainer: Christian Schübelin.

Tore: 0:1 (25.) Aaron Engeldinger, 1:1(90.+5) Marco Dahler. – Schiedsrichter: Julian Marx (Preußen Merchweiler). – Zuschauer:400. – Gelbe Karte Borussia: Nico Christmann (71.).

Im Folgenden einige Bildimpressionen vom Spiel der Borussia gegen die SG Mettlach-Merzig. (Fotos: -jf-)  

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