Anschnallpflicht für das Ellenfeld-Stadion

Unser Bild: Stadionnostalgie pur – das bietet Kevin Lenk aus Duisburg den Zuschauern auf seinem Youtube-Kanal „Stadiontouri“. Im September war er auch im Ellenfeld-Stadion und – total begeistert! (Screenshot: -jf-)

„Gut festhalten! Für dieses Video gilt jetzt die Anschnallpflicht. Denn wenn ihr nicht gesichert seid, werdet ihr in den kommenden Minuten auf jeden Fall vom Hocker gerissen. Und ich schwöre euch: Ich übertreibe nicht!“ In der Tat nicht zu viel versprochen hat Kevin Lenk alias „Stadiontouri“ allen Zuschauern, die seit August 2020 auf seinem gleichnamigen YouTube-Kanal das zehnminütige Video über Neunkirchens altehrwürdiges Ellenfeld-Stadion gesehen haben und noch sehen werden.

Beeindruckende Bilder aus der Vogelperspektive machen gleich zu Beginn mächtig Appetit aufs Zuschauen. Bei seinem Rundgang stapft der 30-Jährige Fußballnostalgiker nicht nur die steilen Stufen der Spieser Kurve hinauf („Wie steil das ist!“), sondern gibt auch einen Einblick in die „Innereien“ der Haupttribüne, die sich in den Katakomben unter ihren Sitzreihen noch komplett so präsentiert wie in den 50er Jahren. Dies gilt auch für den Rasen: „Der Originalrasen aus Bundesligazeiten, der nur mit Pflege so lang überdauert hat.“ Auch die harte Auswechselbank wird einem Test unterzogen: „Nicht sonderlich bequem, aber für 90 Minuten wird das immer noch reichen. Vermutlich nicht mehr für die Stars von heute, deren 25 Millionen teure Hinterteile natürlich gut gepolstert und wohl temperiert sein müssen“, so das Urteil des „Stadiontouri“, bei dem er sich eine gute Portion Ironie nicht verkneifen kann. Besonders gefällt ihm der von den Borussen-Fans vor Jahren vorgenommene schwarz-weiße Anstrich des Fanblocks: „Eine gute Idee, macht optisch echt was her.“ Nicht unerwähnt bleiben darf auch, dass die Gegengerade ursprünglich auf das Höhenmaß der Spieser Kurve gebracht werden sollte: Ein solcher Ausbau hätte das Fassungsvermögen auf beeindruckende 40.000 geschraubt! „Das Ellenfeld ist vielmehr als nur die Heimspielstätte der Borussia. Es ist gleichzeitig auch der Dreh- und Angelpunkt sowie die gesamte Heimat des Vereins“, so das Fazit des kurzen Films, den jeder Borusse gesehen haben sollte.

Besonders beeindruckt war der „Stadiontouri“ (unten) von den steilen Rängen der mehr als 15 Meter in den Himmel ragenden Spieser Kurve (oben). (Screesnshots: -jf-)

Wer herausfinden möchte, wer sich hinter „Stadiontouri“ verbirgt, wird beim Podcast „Football was my first love“ fündig. Kevin Lenk stammt aus Duisburg und ist zum Fußball gekommen, „wie jedes Kind im Ruhrgebiet eben zum Fußball kommt. Mein Vater hat mich irgendwann mitgeschleppt ins Wedau-Stadion, das direkt um die Ecke liegt“, erinnert er sich. Das Spiel seiner fußballerischen „Initiation“ ist Kevin Lenk bis heute präsent, er muss nicht lang überlegen: „Im April 1997, MSV gegen BVB, 3:2 für die Zebras, für die Borussia haben Michael Zorc mit Elfmeter und Lars Ricken, für Duisburg ein gewisser Bashirou Salou getroffen.“ Verloren hat er damals sein Herz an die Schwarz-Gelben aus Westfalen, dort engagiert sich der YouTuber bis heute beim Fanzine schwatzgelb.de, filmt auch schon mal für die Dortmunder U23, stellt Video-Teaser zusammen und schreibt ein paar Texte für Social-Media.

Für seinen YouTube-Kanal tourt er durch die Stadien Deutschlands und weit darüber hinaus, erzählt seine Eindrücke und versucht, seinem Publikum möglichst viel von der Geschichte der Sportstätten zu erzählen. Wann diese Leidenschaft begonnen hat, weiß Kevin Lenk so genau nicht mehr: „Im Studium habe ich im Amateurfußball als freier Journalist gearbeitet. Wahrscheinlich lag darin der Ursprung meiner Begeisterung für Stadien. Aber ich habe auch ganz allgemein ein Faible für beeindruckende Bauten.“

Reichen, so Kevin Lenk, „vermutlich nicht mehr für die Stars von heute, deren 25 Millionen teure Hinterteile natürlich gut gepolstert und wohl temperiert sein müssen“: Die Spieler- und Trainerbänke im Ellenfeld. (Screenshot: Kevin Lenk)

Von Freunden und Bekannten aus der Community bekommt er Tipps und Vorschläge für Besichtigungen, die natürlich gut vorbereitet sein wollen: „Ich mache mich vorher auf Wikipedia und den Websites der Clubs schlau, schreibe die Vereine auch an.“ Bei den allermeisten Clubs stößt er auf großes Interesse. Das Filmen im Stadion selbst kann dann durchaus schon mal zwei Stunden in Anspruch nehmen: „Ich versuche, möglichst viel zu entdecken und spreche eine Anmoderation, wobei ich sehr perfektionistisch bin. Deshalb ist alles sehr zeitaufwändig, macht aber wahnsinnig Spaß!“ Für das Zehn-Minuten-Video aus dem Ellenfeld macht Kevin Lenk folgende Rechnung auf: „400 Kilometer hin, 400 Kilometer zurück, das macht schon mal rund 6 Stunden Fahrzeit. Rund zwei Stunden Aufenthalt im Stadion. Zuhause Sichtung und Schneiden des Materials, Einsprechen der Texte. Eine zweistellige Stundenanzahl an Arbeitszeit ist da ganz schnell erreicht.“ Eine große Motivation ist ihm dabei, dass er anderen Leuten Spaß bereiten kann, die sich das Ganze anschauen – fast 7.000 Abonnenten auf seinem Kanal zeigen eindrucksvoll, dass ihm dies gelingt. Aber die archivarische Arbeit ist wichtig: „Ich möchte gerne für die Nachwelt festhalten, wie es mal war. Gerade bei Stadien, die abgerissen werden.“ Schließlich will „Stadiontouri“ seine Arbeit im Dienste der Vereine verstanden haben: „Wenn ich auch nur einen Menschen durch ein Video dazu bewegen kann, zu einem Stadion hinzufahren, ist das schon eine gute Sache.“ Schließlich schaut er sich selbst gerne „den ehrlichen Fußball in den unteren Ligen an, esse meine Bratwurst und unterstütze die Clubs.“

Das Ellenfeld gehört, das gibt Kevin Lenk offen zu, zu den Sportstätten, die ihm bisher am meisten imponiert haben. Deshalb steht ein Besuch bei einem Spiel der Borussia fest in seinem Kalender: „Ich wurde auch schon eingeladen und werde auf jeden Fall auch Freunde mitbringen“, so „Stadiontouri“, der sich selbst als „wahrscheinlich einzigen Menschen“ bezeichnet, „der sich in Deutschland leere Stadien ansieht und Filme dreht. Ich find´ es eben cool, irgendwo alleine zu sein und auf Entdeckungsreise zu gehen.“

Wenn er im Rahmen seines Hobbies einen Wunsch offen hätte, dann der, „dass alle älteren Stadien unbedingt unter Denkmalschutz gestellt werden. Denn an ihnen hängen so viele Emotionen, so viele Erinnerungen für viele Menschen der Region. Sie sind ein Stück Kultur, das auf jeden Fall erhalten werden sollte.“ Darin ist sich der „Stadiontouri“ mit Tobias Fuchs und Professor Dr. Jens Kelm, den Verfassern von „100 Jahre Ellenfeld“, einig: „Immer war das Ellenfeld-Stadion ein Ort, an dem es die Kleinen spielend mit den Großen aufnehmen konnten, an dem sie nicht nur Zuschauer waren. Das zeichnet dieses Stadion als Erinnerungsort des Saarlandes aus“, heißt es in der Einleitung des Buches. Das Ellenfeld: Ein Erinnerungsort als langlebiger, Generationen überdauernder Kristallisationspunkt kollektiver Reminiszenz und Identität. (-jf-)

Hier der Link zum Video, das jeder Borussen-Fan unbedingt gesehen und für das man auch gerne ein Like dalassen darf:

1 Kommentar

  1. Ein wirklich tolles Video über ein sehr schönes Stadion. Hoffentlich wird dieses Stadion niemals abgerissen sondern statt dessen saniert. Besonders die Spießer Kurve ist einmalig. Man kann nur hoffen dass es endlich wieder aufwärts geht mit der Borussia und man an alte Zeiten wieder anknüpfen kann! Glück auf……

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