
Aus der traditionsreichen Geschichte der Borussia / Vor 60 Jahren: Nach 1:2-Niederlage beim Karlsruher SC wird die Lage im Kampf um den Klassenerhalt wieder kritisch / Dominanz in Halbzeit zwei nicht in Tore umgemünzt!
Bild mit Symbolcharakter: Wie ihr in dieser Situation „gefallener Engel“ Elmar May strauchelte Borussia beim Karlsruher SC bei einem Konkurrenten im Abstiegskampf. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
Es ging um viel, um sehr viel, als Anfang April vor 60 Jahren die Borussia in den Karlsruher Wildpark zum Kellerduell der Bundesliga reiste. Mit dem 3:2 gegen Schalke 04 eine Woche zuvor hatten die Borussen einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt distanzieren können. Sollte das auch gegen den Karlsruher SC gelingen? Borussias Gastgeber standen erheblich unter Druck, waren sie doch nach einem 1:5-Debakel in Dortmund auf den letzte Tabellenplatz abgerutscht. Es war also ganz schön Dampf auf dem Kessel, als Schiedsrichter Gerhard Schulenburg aus Hamburg vor den 28.000 Zuschauern in der Frühlingssonne die Partie anpfiff.
Und wie so oft entwickelte sich bei so entscheidender Bedeutung kein gutes Spiel. „In der ersten Hälfte gab es wenigstens noch vernünftig Züge, nach dem Wechsel gab es nur noch Kampf, wobei der Ball kaum noch über zwei Stationen wanderte. Die Verantwortung hing wie Blei an den Spielern, die nervlich dieser Aufgabe kaum gewachsen waren“, heißt es im Bericht des „Kicker“. Die „Saarbrücker Zeitung“ notierte schon nach zwei Minuten die erste Chance für Borussia, als „Günter Kuntz in Mittelstürmerposition eine Flanke von Heiden knapp verpasste. Gleich danach startete Melcher einen Slalomlauf durch die gesamte KSC-Abwehr, die Ausbeute der Aktion war ein Eckball.“ Die offensiven Bemühungen der Gastgeber verpufften schon vor dem Strafraum, während Günter Kuntz nach 16 Minuten nach Freistoß von Dieter Schock die nächste gute Gelegenheit für Borussia hatte, doch Torhüter Paul kam ihm um Zentimeter zuvor. Quasi aus dem nichts dann die Führung für den KSC: „Ihr ging ein Foul Schröders an Lamparth voraus. Der Einsatz des rechten Verteidigers war unnötig, da keine Gefahr bestand. Der Freistoß von Wild wurde zunächst abgewehrt, doch dann erblickte der Ex-Kasseler Jendrosch, nach Vorlage von Josef Marx, die ungedeckte Torecke: 1:0“, schildert die „SZ“ den Treffer nach 20 Minuten. Nachdem sich Elmar May in drei guten Szenen in KSC-Keeper Paul seinen Meister gefunden hatte, schlug drei Minuten vor der Pause ein 18-Meter-Schuss von Hartmann Madl hinter Horst Kirsch zum 2:0 ein. Die Borussen wehrten sich und kamen noch vor der Pause zum Anschluss: Elmar May nutzte einen Fehler von Marx mit einem Pass zum völlig freistehenden Günter Heiden, der aus kurzer Entfernung vollstreckte (45.).

Geballte Stürmerkraft demonstriert Günter Heiden bei diesem wuchtigen Schuss, der den Boden unter seinen Füßen stauben lässt! (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
Dieses Tor schien psychologisch sehr wertvoll zu sein. Aber zunächst schien es nur so. Denn nach dem Wiederbeginn startete der KSC einige Angriffe, verblasste dann mehr und mehr. Schreier musste zwar noch einmal das Leder von der Linie köpfen und Berking traf für Karlsruhe nur die Latte, dann aber bekam Borussia die Partie in den Griff und bestimmte bis zur 90. Minute das Geschehen. Die kritischen Situationen vor KSC-Torwart Paul häuften sich. Eine davon in besonderer Brisanz: „Außenläufer Marx hatte das Leder vor dem Strafraum mit beiden Händen abgefangen. Schiedsrichter Schulenburg deutete unmissverständlich auf Elfmeter! Erst nach stürmischer Intervention der KSC-Mannschaft und des Linienrichters machte er seine Entscheidung rückgängig“, so der „Kicker“, wo es weiter heißt: „Neunkirchen drängte pausenlos. Der Schlusspfiff erlöste die Karlsruher aus allen Nöten.“ Und die „SZ“ konnte beobachten: „Die Anhänger des KSC stöhnten und zitterten. Die Abwehr war in der letzten Viertelstunde aus den Fugen. Das Leder aber passierte die Torlinie nicht mehr. Neunkirchens Stürmer hatten sich einen Schönheitspreis verdient, doch im entschlossenen Ausnutzen von Tormöglichkeiten ließen sie auch in der badischen Hauptstadt die Bundesliga reife vermissen.“
Das deckt sich mit dem Fazit des „Kicker“, der nach den 90 Minuten zusammenfasste: „Im Karlsruher Wildpark gewann nicht die bessere, sondern die glücklichere Mannschaft. Glück hatten die Saarländer bei ihrer halbstündigen Drangperiode nicht. Es sah aber auch nach Unvermögen aus: Das gilt besonders für die Stürmer, die jede Konzentration bei der Schussabgabe vermissen ließen.“ Für den „Kicker“ waren Torhüter Kirsch („gegen beide Tore machtlos, zeichnete sich aber mehrfach durch seine Fangsicherheit aus“), Stopper Leist und Außenläufer Achim Melcher („trieb unermüdlich den Sturm an, fand aber bei seinen Mitspielern wenig Verständnis“) die besten Akteure im schwarz-weißen Trikot.

Ball auf den Fuß, wer gewinnt diesen Zweikampf? Borussias Angreifer Heinz Simmet (re.) oder KSC-Abwehrrecke Josef Marx? Achim Melcher beobachtet die Lage aus dem Hintergrund. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)
„Das Wichtigste sind die Punkte“, stellte KSC-Coach Helmut Schneider zuvorderst fest, gab aber auch unumwunden zu, dass die Begegnung spielerisch wenig Freude bereitet habe. Schneider bat allerdings angesichts der zahlreichen verletzungsbedingten Ausfälle um Nachsicht. Bei seinen jungen Spielern sei manchmal Seelenmassage wichtiger als Konditionstraining. Für Horst Buhtz bedeutete das Spiel in Karlsruhe ein Wiedersehen mit einer ehemaligen Station als Spieler: Der Borussen-Trainer hatte von 1950 bis 1952 63 Spiele für den VfB Mühlburg (neben Phönix Karlsruhe einer der „Vorläufer“ des KSC) absolviert und dabei 33 Tore erzielt – deshalb genoss der spätere Italienprofi im Badischen immer noch große Beliebtheit. Bei seiner Spielanalyse blieb er trotz der Niederlage ruhig und gelassen und erkannte den KSC-Sieg deshalb als verdient an, „weil wir in der langen Drangperiode unsere Chancen nicht genutzt haben.“ Die erste Halbzeit habe Borussia verschlafen, nach dem Wechsel zwar die bessere Kondition besessen, aber dennoch unter dem Strich nichts erreicht. Für Buhtz unerklärlich: „Meine Mannschaft spielt auf fremden Plätzen um die Hälfte schwächer als im eigenen Stadion!“ Das sollte sich bis zum Saisonende leicht verbessern: Denn das 1:2 in Karlsruhe war für die Borussen die letzte Auswärtsniederlage, bei Hannover 96 und Hertha BSC holten die Buhtz-Schützlinge anschließend mit 1:1 jeweils einen Punkt!
Doch zunächst wurde die Lage wieder kritischer, lagen doch die Mannschaften im Ringen um den Ligaerhalt ganz eng beieinander: Nur zwei Punkte (und damit ein Sieg!) trennten den VfB Stuttgart und Hertha BSC auf den Rängen 11 und 12 (jeweils 22:30) von den Schlusslichtern KSC und Schalke 04(jeweils 20:32), dazwischen kuschelten sich mit der Borussia und dem 1. FC Kaiserslautern die beiden Südwestvertreter (jeweils 21:31). Auf die Borussia wartete nun mit dem Tabellensechsten Eintracht Frankfurt (29:21 Zähler) ein „dicker Brocken“ im Ellenfeld! (-jf-)
Statistik: Karlsruher SC – Borussia 2:1 (2:1)
Borussia: Horst Kirsch – Erich Leist, Hans Schreier, Günter Schröder, Erwin Glod, Achim Melcher, Dieter Schock, Günter Heiden, Günter Kuntz, Elmar May, Heinz Simmet. – Trainer: Horst Buhtz.
Karlsruhe: Manfred Paul – Peter Koßmann, Willi Rihm, Horst Saida, Josef Marx, Horst-Dieter Berking, Klaus-Peter Jendrosch, Hans-Peter Lamparth, Hartmann Madl, Ernst Röhrig, Horst Wild. – Trainer: Helmuth Schneider.
Tore: 1:0 (26.) Klaus-Peter Jendrosch, 2:0 (42.) Hartmann Madl, 2:1 (45.) Günter Heiden. – Schiedsrichter: Gerhard Schulenburg (Hamburg). – Zuschauer: 28.000.
Unsere Archivbilder zeigen Szenen vom Spiel der Borussia im Wildparkstadion. (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)









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